Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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Da zittert Phasthon.

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Doch das Gewicht des Wagens war zu leicht, Die Sonnenroſſe ſpürten nicht den Lenker, Das Joch entbehrte des gewohnten Druckes. Wie ohne richtigen Ballaſt die Schiffe Unſicher ſchwanken, und da ſie zu leicht, Unſtät im Meere hingetrieben werden,

So macht der Wagen Sprünge in der Luft, Da die gewohnte Laſt des Gottes fehlt,

Und ſchnellt gleich einem leeren in die Höhe. Sobald die wilden Pferde dies bemerken,

So jagen ſie davon, und das Geleiſe

Des Viergeſpanns verlaſſen ſie im Lauf

Und ſtürzen hin auf ungewohnter Bahn.

Er weiß es nicht,

Wie er die ihm vertrauten Zügel brauche, Noch wo der Weg iſt, ja ſelbſt wenn er's wüßte, Vermöcht' er's nicht, die Roſſe zu beherrſchen.

Als vollends Phaëthon vom hohen Himmel Die Länder ſah in ſchreckensvoller Tiefe, Ergriff den Unglückſel'gen bleiche Furcht, Entſetzt ſtand er mit ſchlotterndem Gebein, Und mitten in dem Meer des Lichts bedeckte Die Augen ihm des Schwindels finſtrer Schatten. Schon wünſcht er, niemals das Geſpann des Vaters Berührt zu haben, nie nach ſeinem Stamm Geforſcht und nie mit ſeiner tör'gen Bitte Beim Vater obgeſiegt zu haben; ja, Schon wünſcht er ſelbſt des Merops Sohn zu heißen. Zu ſpät. Er ſchießt dahin gleichwie ein Schiff, Das von dem jähen Nord getrieben wird, Und nicht gehorcht dem Druck des Steuermanns, Der es der Götter Gnade überläßt. Was ſoll er tun? Gelaſſen iſt im Rücken

Bereits des Himmels eine weite Strecke, 345.

Und eine größre liegt ihm noch vor Augen.

Im Geiſte mißt er beide. Vorwärts blickt er

Bald gegen Untergang, den zu erreichen

Ihm nicht beſtimmt, bald rückwärts gegen Auf⸗ gang.

Starr ſteht er da und weiß nicht, was zu tun.

Er wagt es nicht, die Zügel anzuziehen

Noch auch zu lockern ſeinen wilden Tieren,

Und ihre Namen ſind ihm unbekannt.

Mit Zittern ſieht er an dem bunten Himmel Seltſame Wunderbilder allenthalben,

Die großen Schreckgeſtalten wilder Tiere.

Es gibt am weiten Himmel eine Stelle,

Wo der Skorpion die beiden Scheren krümmt Und mit dem Schwanz und den gebognen Armen

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Die Glieder ſtreckt in zweier Bilder Raum. Dort ließ der Jüngling, als er dieſen ſah,

Wie er, vom Geifer ſchwarzen Giftes feucht, Mit dem gekrümmten Stachel ihn bedrohte,

Sinnlos in kalter Furcht die Zügel fallen. Als ſie die Pferde auf dem Rücken ſpüren,

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Da ſchweifen ſie noch weiter ungehindert Und ſtürmen hin nach unbekannter Gegend. Wohin ihr wilder Ungeſtüm ſie treibt,

Da laufen ſie und rennen zügellos

Im hohen Himmel an die feſten Sterne Und reißen mit auf ungebahnten Wegen Den Wagen bald empor zur höchſten Höhe, Bald ſtürzen ſie hinab auf jähen Pfaden Und rennen allzu nahe bei der Erde. Erſtaunt ſieht Luna ihres Bruders Pferde Selbſt tiefer laufen als die ihrigen

Und ringsum die verbrannten Wolken dampfen.

Schon brennen auch die Höhen auf der Erde,

Die Glut zieht alle Näſſe aus dem Boden,

Er ſpaltet ſich und zeigt gewalt'ge Riſſe.

Die Gräſer werden welk, die Bäume brennen

Samt ihrem Laube, und die dürre Saat

Gibt Stoff den Flammen, die ſie ſelbſt vernichten. Jedoch was klag' ich über Kleinigkeiten?

Die Städte gehen unter mit den Mauern,

.. Der Weltbrand wandelt Völker und Geſchlechter

Zu Aſche. Wälder brennen mit den Bergen.

Entſetzt ſieht Phasthon den ganzen Erdkreis

In Brand, er hält die Feuersglut nicht aus

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Und atmet wie aus eines Ofens Tiefe

Die heißen Lüfte. Selbſt der Sonnenwagen Gerät in Glut. Ein Aſchenregen fällt,

Und Feuerfunken überſchütten ihn, Pechſchwarze Finſternis umgibt ihn ganz, Und heißer Dampf umhüllt ihn rings herum. Er weiß nicht wo er iſt, wohin er fährt, Und iſt der Spielball ſeiner Flügelroſſe.

Weit auseinander klafft der ganze Boden, Das Licht dringt in den Tartarus hinunter Und ſchreckt das Königspaar der Unterwelt. Das Meer zieht ſich zuſammen. Weite Felder Erblickt man trocknen Sands, wo noch das Meer war, Und Berge, die das tiefe Waſſer deckte, Erſcheinen, die zerſtreuten Inſeln mehrend. Die Fiſche fliehn hinunter in die Tiefe, Und die Delphine wagen nicht den Körper Zu ſchwingen in die Luft, wie ſie gewohnt.