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. Die Flügel wieder auf und bindet ſie
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Schon ſchlug mit blut'ger Bruſt die junge Mannſchaft,
Die eine kurze Lebenszeit erloſt,
Den lauen Boden, und es waren übrig
. Nur fünf, in deren Zahl Echion war.
Der warf die Waffe auf Geheiß Athenes
Zu Boden und verlangte von den Brüdern Und gab das Treuverſprechen ew'gen Friedens.— Die waren des ſidon'ſchen Gaſts Genoſſen, Als er erbaute die verheißne Stadt.—
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Schon ſtand die Stadt, ſchon konnteſt du, o Kadmus,
In der Verbannung ſelbſt beglückt erſcheinen.
Dir waren Mars und Venus Schwiegereltern
Geworden, und von der erhab'nen Gattin
So viele Söhn' und Töchter, ja ſelbſt Enkel,
Schon Jünglinge, des Stammes teure Pfänder,
Erfreuten deinen väterlichen Sinn.
Doch ſtets ſoll man den letzten Tag erwarten
Und keinen Menſchen glücklich vor dem Ende
210. Und ſeinem letzten Gang zum Grabe nennen.
Perſeus und Andromeda. (Ov. Met. IV, 663— 759.)
Verſchloſſen hielt der Sohn des Hippotes
Die ſchlimmen Winde, und am hohen Himmel Erſchienen war der Glanz des Lueifer,
Der uns zum Tagwerk mahnt. Da nimmt der Held
An beide Füße, die gekrümmte Waffe
Um ſeine Hüfte gürtet er und ſchlägt
Die klare Luft mit den bewegten Schwingen. Zahlloſe Völker um und unter ſich
Läßt er im Flug zurück, bis er das Land Erblickt des Kepheus und Äthiopiens Völker.
Hier mußte für ein frevles Wort der Mutter Andromeda unſchuldig Strafe büßen, So hatt' es Ammon mitleidslos befohlen.
. Und als der Abantiade dieſe ſah,
Den Arm gebunden an den harten Fels, Bewegungslos gleich einem Marmorbild, Nur daß die leichte Luft das Haar bewegte, Und aus den Augen floß ein laues Naß, Da faßt ihn unbewußt der Liebe Feuer, Und ſtaunend ſteht er ſtill; denn hingeriſſen Vom Bilde der erblickten Mädchenſchönheit, Vergißt er faſt die Schwingen zu bewegen.
Sobald er Fuß gefaßt, beginnt er ſo:
„O du, die du nicht ſolcher Feſſeln würdig, Vielmehr der zarten Feſſeln, die die Sehnſucht Schlingt um ein glücklich Paar der Liebenden, O ſag' mir deinen und des Landes Namen, Sag' auch, warum du dieſe Feſſeln trägſt.“ Zuerſt ſchweigt jene, und ſie wagt es nicht Ihn anzureden, ſie, die Magd, den Mann, Und hätte mit den Händen das beſcheidne
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Geſicht verborgen, wenn ſie frei geweſen;
Doch aus den Augen,— dies war nicht ver⸗ wehrt,—
Entſtürzt ein Strom von heißen Tränen ihr.
.Als drauf der Held mit Fragen ſie beſtürmt,
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Nennt ſie den eignen Namen und des Landes, Und daß er nicht, mißdeutend ihr Verſchweigen, Vermeine, eigner Freveltat bewußt,
Verweigre ſie die Antwort, ſagt ſie ihm,
Zu welchem Frevelwort der Stolz der Schönheit Die Mutter hingeriſſen.— Nicht geendet
Mit ihren Worten hatte ſie, da rauſcht
Die Woge, und ein Ungeheuer taucht
Aus dem gewalt'gen Meer und legt die Bruſt Mit drohndem Rachen auf die breite Fläche.
Aufſchreit die Jungfrau. Und der traur'ge Vater Naht mit der Mutter, beide tief gebeugt, Jedoch die Mutter in verdient'rem Leid.
Nicht Hülfe bringen ſie, nein, heiße Tränen Und Klagen, würdig des Geſchicks der Tochter, Und ſchluchzend hängen ſie an ihrem Körper. Da ſpricht der Fremde:„Zeit zu Tränen habt ihr Noch lange, jetzt bedarf es ſchneller Tat,
Und kurz iſt nur die Zeit ſie zu vollbringen.—
. Wenn ich, Juppiters Sohn und der Geliebten,
Zu der er eindrang in des Kerkers Nacht
Als goldner Regen, ich, der ſchlangenhar'gen Gorgone Üüberwinder, der es wagte
Im Flug die hohen Lüfte zu durchſchneiden, Wenn Perſeus dieſe ſich zum Weib begehrte, Gewiß, man würde ihm den Vorzug geben. Wohlan, ſo hohe Mitgift will ich noch Vergrößern durch ein eigenes Verdienſt,
Wenn nur der Götter Beiſtand mir nicht fehlt.


