90. Und ihres Feindes ungeheuren Körper Siegreich darüber, wie er gierig leckte
Die Schmerzenswunden mit der blut'gen Zunge, Da rief der Held:„Ihr Leiber der Getreuen,
Entweder werd' ich eures Mordes Rächer, 95. So ſchwör' ich, oder folge euch im Tode!“ Sofort ergriff er einen ſchweren Stein
Und warf den großen mit gewalt'ger Kraft.
Bei deſſen Anprall wären ſteile Mauern Samt ihren hohen Türmen eingeſtürzt, 100. Der Drache aber blieb ſelbſt ohne Wunde.
Denn durch die Dicke ſeines ſchwarzen Felles Und durch die Schuppen wie durch einen Panzer
Sich ſchützend, ließ er wirkunglos den Wurf Von ſeinem langen Leibe niederprallen.
105. Jedoch der Spieß durchdrang den Schuppen⸗ panzer,
Und in der Krümmung des geſchmeid'gen Rück⸗ grats
Geheftet ſtand er, und die Eiſenſpitze Drang tief hinunter in die Eingeweide.
Das Tier, vor Schmerzen raſend, wirft den Kopf
110. In ſeinem Rücken, blickt die Wunde an
Und beißt auf den im Leibe ſtehnden Schaft.
Es zerrt ihn hin und her mit aller Macht, Bis es ihn endlich aus der Wunde reißt; Das Eiſen aber bleibt im Leibe ſtecken.
115. Da vollends ſchwillt, als die gewohnte Wut Der neue Schmerz zur Raſerei geſteigert, Die Kehle an von giftgefüllten Adern.
Ein weißer Schaum umfließt ſein gräßlich Maul. Geſchlagen von dem mächt'gen Schuppenpanzer, 120. Erdröhnt die Erde, und der ſchwarze Hauch,
Der aus dem gift'gen Höllenrachen ſteigt, Verpeſtet ringsum die verdorbnen Lüfte.
Drauf ſchlägt es bald ſich ringelnd große Kreiſe,
Bald richtet es ſich kerzengrad empor,
125. Dann ſtürmt es plötzlich vor mit wildem Schuß
Wie ein vom Regen angeſchwellter Strom
Und ſchlägt mit ſeiner Bruſt die Waldung nieder.
Der Sohn Agenors weicht ein Stück zurück.
Er ſchützt ſich vor dem Anhauch mit dem Felle,
130. Und mit der vorgeſtreckten Lanzenſpitze
Wehrt er den droh'nden Rachen von ſich ab. Der Drache ſchlägt in blinder Wut die Zähne
Vergebens in das harte Eiſen ein.
Schon fing das Blut von ſeinem gift'gen Gaumen
135. Zu fließen an und färbte rings die Gräſer.
Doch war die Wunde leicht, die er empfangen;
Denn jedem Stoß der Lanze wich er aus,
Indem er den verletzten Hals zurückzog,
Und hinderte durch unabläſſ'ges Weichen, 140. Daß tiefer drang die nachgeſtoßne Waffe.
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So folgte ſtets Agenors Sohn dem Drachen Mit droh'nder Lanze, bis ſich eine Eiche Dem rückwärts gehenden entgegenſtellte. Dort ſpießte er den Nacken an den Stamm.
145. Der Baum verbog ſich vom Gewicht des Tieres,
Sein Holz erkrachte unter ſchweren Streichen, Die es ihm ſterbend mit dem Schweif verſetzte.
Als nun der Sieger ſtumm betrachtete Den mächt'gen Körper des beſiegten Feindes,
150. Da ließ ſich plötzlich eine Stimme hören.
Woher ſie kam, das war nicht zu erkennen,
Doch war ſie deutlich hörbar.„Sohn Agenors“, So ſchallte es,„was ſchauſt Du auf die Schlange? Auch dich wird man als Schlange einſt erblicken!“
155. Entſetzt ſtand jener lange da, das Blut
Und die Beſinnung waren ihm gewichen, Und kalte Furcht erſtarrte ſeine Haare. Sieh, da erſchien des Helden Gönnerin, Athene, gleitend durch die Himmelslüfte,
160. Und hieß ihn ſtreu'n in den gepflügten Boden
Der Drachenzähne wunderbare Saat,
Aus der ſein künft'ges Volk erwachſen werde. Der Held gehorcht' und ſtreute, als die Furche Gelockert war mit eingedrücktem Pflug,
165. Die Menſchenſaat der Zähne auf den Boden.
Darauf, faſt klingt's wie ein erlognes Märchen, Begannen ſich die Schollen zu bewegen,
Und es erſchien zuerſt die Lanzenſpitze, Darauf der Helm mit ſeinem bunten Buſch,
170. Dann Schultern, Bruſt und waffenſchwere Arme.
Es wuchs der Männer ſchildbewehrte Saat. So pflegen, wenn im feſtlichen Theater Der Vorhang ſich erhebt, auf ihm die Bilder Emporzuſteigen und zuerſt das Antlitz,
175. Allmählich dann das Übrige zu zeigen;
Iſt er im ſanften Zug emporgezogen, Sind ſie zu ſehn in ihrer ganzen Größe Und ſtehn mit ihren Füßen auf dem Rand.
Schon wollte Kadmus zu den Waffen greifen,
180. Um ſich des neuen Feindes zu erwehren,
Da rief vom Volke, das der Erd' entſproſſen, Der erſte laut:„Ergreife nicht die Waffen! Und miſche dich in unſren Streit nicht ein!“ Und einen von den erd'’gebornen Brüdern
185. Erſchlägt im Nahkampf dieſer mit dem Schwert,
Drauf fällt er ſelbſt, von einem Spieß durchbohrt. Auch der, der ihn getötet, lebt nicht lange Und haucht den kaum empfang'nen Atem aus. Im gleichen Kampfe raſt die ganze Schar,
190. Und von den eignen Waffen fallen ſie
Im Wechſelkampf, die erſt entſtandnen Brüder.


