Aufsatz 
Proben aus einer Ovidübersetzung / Otto Altendorf
Entstehung
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Kadmus. (Ov. Met. III, 1 137.)

Schon hatte Juppiter die Truggeſtalt

Des Stieres abgelegt und weilte nun

Mit der Entführten auf den Fluren Kretas, Da ſchickt der Vater, dem der Tochter Schickſal

. Verborgen, ſeinen Sohn, ſie aufzuſuchen,

Und droht ihm, wenn er ſie nicht wieder finde, Mit ewiger Verbannung, eine Tat, Unväterlich und liebevoll zugleich.

Als Kadmus drauf umſonſt die weite Erde Durchwandert hatte, wer vermöcht' es auch Des Göttervaters Ränke zu enthüllen? Mied er die Heimat und des Vaters Zorn, Und vor Apollos heiligem Orakel Erſchien er flüchtig, um den Gott zu fragen, Welch Land er fürderhin bewohnen ſolle. Ein Rind wird dir, ſo deutet' ihm der Gott, Einſam begegnen, ſchreitend durch die Felder, Das noch kein Joch auf ſeinem Nacken trug Undfrei war von dem Dienſt des krummen Pfluges. Ihm folge nach, und wo es ſich im Graſe Hinſtreckt, da gründe eine neue Stadt Und nenne dieſe die böotiſche!

Kaum war von der kaſtal'ſchen Höhle Kadmus Herabgeſtiegen in die Ebene,

. Da ſieht er gehen eine junge Kuh

Langſamen Schritts dahin, die unbewacht Und ohne Zeichen eines Dienſtes war.

Er hemmt den Fuß und folgt ihr Schritt für Schritt Und betet ſchweigend zu dem delph'ſchen Gott, Schon hatt' er überſchritten den Kephiſus, Schon hinter ſich die Fluren Panopes,

Da hält das Tier, und die mit hohen Hörnern Geſchmückte Stirne zu dem Himmel hebend, Erſchüttert es die Luft mit lautem Brüllen. Dann blickt es auf die folgenden Begleiter Und neigt ſich langſam auf den Boden nieder Und ſtreckt die Seite in das zarte Gras.

Fromm dankt dem Gotte Kadmus, küßt den Boden Des fremden Landes und begrüßt die Berge Und unbekannten Fluren. Drauf ein Opfer Schickt er ſich an dem Juppiter zu bringen Und heißt die Diener gehn und Waſſer holen, Das aus lebend'gem Quell ſie ſchöpfen ſollten.

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. Sie hinderte an beidem.

Es ſtand ein alter Wald, von keinem Beil Getroffen, und inmitten eine Höhle, Von Reiſig und Geſträuchern dicht umwoben, Mit niedrem Eingang unter einem Bogen Gefügter Steine, reich an klaren Quellen. In deren Innern lag ein grauſer Drache, Gezeugt von Mars, geſchmückt mit goldnem Kamme. Es ſprühten Blitze ſeine roten Augen, 1 Der ganze Körper ſchwoll vom gift'gen Geifer, Drei Zungen drohten zitternd und der Zähne Dreifache Reihe aus dem weiten Rachen.

Sobald die tyr'ſchen Gäſte dieſen Hain Betreten mit verhängnisvollem Schritt

Und ihre Krüge in den Quell getaucht, Streckt ſeinen Kopf der dunkelfarb'ge Drache Auf das Geräuſch hin aus der tiefen Höhle Und ſtößt ein fürchterliches Ziſchen aus. Die Krüge gleiten aus den Händen nieder, Das Blut verläßt den Körper, und zugleich Erfaßt ein Zittern die erſchreckten Glieder. Der Drache windet ſchlängelnd ſeine Kreiſe

5. Und dreht ſich, ſeinen Schuppenpanzer rollend,

Er ſchlägt im Sprunge fürchterliche Bogen, Und ſich erhebend in die Luft empor, Schaut er von oben auf den Hain herab. Nicht größer iſt der Drache an dem Himmel, Des Sternenbild die beiden Bären trennt, Wenn man ihn ſieht in ſeiner ganzen Länge. Drauf packt er unverzüglich die Phöniker, Sei's daß ſie griffen zu den guten Waffen, Sei's daß ſie flohen, oder daß die Furcht Dieſe tötet

Das Untier mit den ſcharfen Zähnen, jene Durch die Umarmung ſeines Rieſenleibes Und dieſe durch den Anhauch gift'gen Geifers.

Schon warf die Mittagsſonne kleine Schatten,

Und die Genoſſen kamen nicht zurück,

Darob verwundert ſich Agenors Sohn

Und macht ſich auf, die Säumenden zu ſuchen. Ein Löwenfell bedeckte ſeine Schultern,

In Händen trug er einen mächt'gen Speer,

. Des Eiſenſpitze in der Sonne blitzte,

Und einen Wurfſpieß, und was beſſer war Als jede Waffe, Heldenſinn im Herzen.

Sobald er eingetreten in den Hain Und ſah die toten Leiber der Genoſſen