Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
Einzelbild herunterladen

12

Nachtviolen, ſüß und ſtark Duftet ihr durch dieſe Lauben; O, wie wißt das feinſte Mark Ihr der Erde ſchnell zu rauben!

Von der warmen Nacht geküßt, Wißt ihr ſchnell es auszuhauchen, Eh' ihr ſelber wieder müßt Eure Köpflein untertauchen!

Aus dem tiefen blauen Raum

Peerlt ihr leuchtend, goldne Sonnen, Kommt und ſchwindet, wie ein Traum; Doch gefüllt bleibt ſtets der Bronnen.

Und nur du, mein armes Herz, Du allein willſt ewig ſchlagen,

Deine Luſt und deinen Schmerz Ewig durch die Himmel tragen?

Andre Blumen, andre Wellen, Andre Sterne, andre Herzen, Andre Freuden, andre Schmerzen Werden unerſchöpflich quellen.

Und, eh' wir noch gar verglommen, Ganz uns auszulöſchen kommen, Ewig iſt, begreifſt es du,

Sehnend Herz? nur deine Ruh!

Ich hab' in kalten Wintertagen,

In dunkler, hoffnungsarmer Zeit Ganz aus dem Sinne dich geſchlagen, O Trugbild der Unſterblichkeit.

Nun, da der Sommer glüht und glänzet, Nun ſeh' ich, daß ich wohlgethan! Aufs Neu' hab' ich das Haupt bekränzet, Im Grabe aber ruht der Wahn.

Ich fahre auf dem klaren Strome,

Er rinnt mir kühlend durch die Hand, Ich ſchau hinauf zum blauen Dome Und ſuch' kein beſſ'res Vaterland.

Nun erſt verſteh' ich, die da blühet,

O Lilie, deinen ſtillen Gruß:

Ich weiß, wie ſehr das Herz auch glühet, Daß ich wie du vergehen muß!

Seid mir gegrüßt, ihr holden Roſen, In eures Daſeins flücht'gem Glück! Ich wende mich vom Schrankenloſen Zu eurer Anmut froh zurück!

Zu glüh'n, zu blüh'n und ganz zu leben, Das lehret euer Duft und Schein,

Und willig dann ſich hinzugeben

Dem ew'gen Nimmerwiederſein!