Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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Einen poetiſchen Dolmetſcher hat Spinoza an Auerbach gefunden, z. B. in deſſen bekanntem RomaneAuf der Höhe. Der Dichter hat ſich hier die Aufgabe geſtellt, die Majeſtät des Sittenge⸗ ſetzes mit der unbedingteſten Freiheit des Gedankens vereinbar zu zeigen, und auch noch in einer Welt⸗ auffaſſung, die ſelbſt auf die Tröſtungen des Bewußtſeins von einem perſönlichen Gotte verzichtet. Auer⸗ bach gelangt dabei ſchließlich zu dem Satze:Freie Einigung mit der Naturnotwendigkeit, unter deren Macht wir geſtellt ſind, den er dem philoſophiſchen Dr. Günther in den Mund legt.So gelangen wir zur Freiheit vom Geſetz, ſo zu jener Liebe, die nichts für ſich verlangt, als das Bewußtſein ihrer Einheit mit dem Ganzen, in der allein Friede, Verſöhnung, Ruhe zu finden iſt. Dann wird auch die richtige Auffaſſung des Menſchen gelingen, welche nicht mehr im Sinne des rohen Naturtriebes fragt: Was ſind ſie für uns?, ſondern: Was ſind ſie für ſich? Die Tagebuchblätter der Irma ſind durch⸗ gängig von dem Geiſt dieſer Weltauffaſſung belebt:Solch ein im Herbſt fallendes Blatt wie viele helle Sommertage und laue Nächte führten ſein Wachstum herbei, und was iſt es, da es am Baume hing, und jetzt, da es abfällt? Und was iſt das Ergebnis eines ganzen Menſchenlebens auf wenige Sätze zurückgeführt?

Man thut auf dem Fleck, wo man lebt, ſeine Schuldigkeit. Wie das ausmündet ins Ganze, in das große Meer auf der Erde und der Geſchichte der Menſchheit? Das fügt ſich ohne unſer Zuthun ein. Der Bach treibt die Mühle und wäſſert die Wieſe auf ſeinem Lebensweg, bis ihn das Meer ver⸗ ſchlingt, und von dort kommen die Wolken und die Wetter wieder heran und nähren den Bach.

Als einen geiſtvollen Vertreter des Pantheismus, wie er den nordiſch⸗germaniſchen Naturmythen, vornehmlich in dem Kapitel der Götterdämmerung zu Grunde liegt, zeigt ſich Felix Dahn in ſeinem nordiſchen RomanOdhins Troſt. Der Göttervater kehrt von ſeiner Fahrt nach Helheim zurück nach Asgard und enthüllt den erbleichenden Aſen die Rätſel der Welt, die er bei den Nornenſchweſtern erforſcht. Die ſtrahlenden Götter können's nicht faſſen, daß auch ſie einſt vergehen ſollen, und der milde und weiſe Göttervater richtet die verzagten Gemüter wieder auf, indem er ihnen die Kunde von der neuen Welt bringt, die ſich aus dem Weltbrand hervorheben wird, von Idafelde, wo ſich die Aſen als dieſelben und doch neu, geſühnt von allen Verbrechen, wiederfinden werden. Aber der Göttervater kündet ihnen nicht das ganze Geheimnis, weil ſie nicht reif dafür ſind. Er weiß in ſeinem Herzen, daß auch einſt Idafelde, die neue Welt, wieder vergehen muß:

Ewig iſt einzig das All,

Denn nur was Eins iſt, iſt ewig. Und Eins iſt einzig das All, Anfangslos, endlos..

Erden vereiſen, Sterne ſtürzen, Sonnen verſinken.

Aber unendlich, unabläſſig, unerſchöpflich in wechſelnden Wandlungen wirkt und webt das All. Aus zer⸗ ſtörten Stücken zerworfener Welten, aufs Neue aus dem Nebel verſunkener Sonnen bildet und baut andere Erden des ewigen Alls gewaltig Geſetz:Das wechſelnde Werden. Das Schickſal, wie wir es ſcheu nennen! Aber es hat kein Schöpfer geſchickt noch geſchaffen. Älter iſt es als alle Alter, gewaltiger als alle Geiſter und Götter.

Nicht zum Wohl oder Weh der wimmelnden Weſen, nur ſich ſelber aus ſich zu erſchließen, ſchaltet und ſchafft dies große Geſetz.

Es iſt eins mit dem All. Denn es iſt nur im All, und das All iſt in ihm.

Das All zerfiele, hielte es nicht das Geſetz.

Das Geſetz wäre tot, lebte es nicht im All.