Beilage zum Programm der Großherzogl. Realſchule I. u. II. O. zu Gießen für 1883. Pr. Nr. 576.
Der Pantheismus in der poetiſchen Litteratur der Deutſchen im 18. und 19. Jahrhundert.
Von Dr. Hermann Menſch.
Der Mannigfaltigkeit dieſer Welt und ihren einzelnen Erſcheinungen liegt etwas Allgemeines zu Grunde, welches die Einheit dieſer Welt bildet, und dieſes Allgemeine iſt Gott, das allgemeine Leben, das in allem lebt, das allgemeine Sein, das in allem iſt. Das iſt der Grundgedanke, von dem der Pantheismus ausgeht, aber die Formen, in denen er erſcheint, ſind verſchieden. Der Pantheismus liegt der heidniſchen Naturreligion Griechenlands zu Grunde, er hat die philoſophiſche Weltanſchauung Indiens erzeugt und in der chriſtlichen Welt ſeinen bedeutendſten Vertreter an Spinoza gefunden.
Wer wollte leugnen, daß dem Pantheismus ein großer Gedanke zu Grunde liegt und ein erhabenes Gefühl: der Gedanke von der Einheit des Seins und dem Zuſammenhang unſeres Lebens mit dem Leben, das uns rings umgiebt. Das Leben der Natur berührt uns ſympathiſch und ruft in uns eine ent⸗ ſprechende Stimmung hervor, welche ein Zeugnis für die Verwandtſchaft iſt, die zwiſchen Geiſt und Natur ſtattfindet. Seine eigenen Geſetze ſind es, die unſer Geiſt wiedererkennt in der Welt der Natur, und wir finden in dieſer eine objektive Vernunft, die gleichartig iſt mit unſerer ſubjektiven Vernunft.
In der Allbelebung und Allvergötterung liegt das Poetiſche und Feſſelnde des Pantheismus, daher ſich denn das Dichtergemüt von jeher von dieſer Weltauffaſſung angeſprochen fühlte. Es wäre intereſſant und lohnend zu zeigen, wie ſich dieſelbe in den verſchiedenſten Dichternaturen und zu den verſchiedenſten Epochen geltend macht und ſelbſt bei manchen Theiſten hervorſchimmert; doch da der Raum bemeſſen iſt, müſſen wir unſer Gebiet begrenzen und lediglich die neuere poetiſche Litteratur der Deutſchen im Auge behalten.
Man kommt wohl ſchon immer mehr dahin, die poetiſche Litteratur eines Volkes nicht als ein be⸗ grenztes, in ſich abgeſperrtes Feld zu betrachten, ſondern ſie in lebendiger Wechſelwirkung mit andern Erkenntnisgebieten ſtehend anzuſehen. Wenn man heutzutage eine Litteraturgeſchichte ſchreibt, ſo wird man
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