Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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notgedrungen Bezug nehmen müſſen auf die treibenden Kulturfaktoren einer Zeit, auf die religiöſe Denk⸗ weiſe, die politiſch⸗ſocialen Zuſtände, die gleichzeitige Philoſophie ꝛc. Allein noch immer iſt die Behand⸗ lungsweiſe zu einſeitig. Sie geht entweder rein äußerlich zu Werke, d. h. man begnügt ſich gewöhnlich bei der Schilderung einer Litteraturepoche damit, einen Blick auf die übrigen Lebensgebiete zu werfen, ohne den inneren Zuſammenhang, der zwiſchen dieſen und jener beſteht, genügend darzuthun. Man be⸗ ſchränkt ſich darauf, uns zu ſagen, welchen Bildungsgang unſere Dichter gehabt, welche philoſophiſchen Studien ſie gemacht, welcher Weltanſchauung ſie gehuldigt u. ſ. w., allein man ſagt uns nicht und man unterſucht nicht, wie etwa dieſe philoſophiſchen Ideeen, mit denen ſie ſich trugen, in ihren Schöpfungen lebendig wurden, Geſtalt annahmen; auf die innere Verbindung zwiſchen Philoſophie und Dichtung wird noch immer zu wenig der Blick gerichtet. Wenn irgend philoſophiſche Syſteme zur Popularität gelangen, Gemeingut der ganzen Nation werden, ſo. am allererſten in der poetiſchen Litteratur.

Oder die äſthetiſche Betrachtungsweiſe thut des Guten auch wieder zu viel. So der geiſtvolle Philoſoph Karl Roſenkranz, der überall eine tiefere Bedeutung wittert als in Wirklichkeit vorhanden iſt und der zumeiſt ſeine Philoſophie in die Dichterwerke hineinlieſt. Mit einem Worte: die poetiſche Litteratur muß ſo pſychologiſch als möglich behandelt werden, ſo tief als man es vermag muß man hin⸗ abſteigen, um die Gemütsregungen zu erfaſſen, welche weit zurück, tiefinnen die in die Erſcheinung tretende Litteratur vorbereiten und erzeugen. Das verſteckte Gefühl und die abſtrakte Idee, welche überall zu Grunde liegen, in präciſer und anſchaulicher Form zu geben, iſt die Aufgabe des Litteraturhiſtorikers.

Ich habe mir die Aufgabe geſtellt, nachzuweiſen, wie den Litteraturſtrömungen in Deutſchland zu Ende des 18. und 19. Jahrhunderts bald mehr, bald weniger die Philoſophie des Pantheismus zu Grunde liegt, wie der Pantheismus es iſt, der hier in ſeinen verſchiedenen Formen zu Tage tritt, der in der Ge⸗ ſtalt des griechiſchen und ſpinoziſtiſchen Pantheismus auf unſere großen Klaſſiker einwirkte, der in der Form des indiſchen Pantheismus von der romantiſchen Schule weiter geführt wird und der endlich auch verſchiedene dichteriſche Produktionen der Gegenwart charakteriſiert.

Als das alte Griechenland zu Grunde gegangen war, hörte jener Schiffer, der Nachts an der griechiſchen Küſte entlang ſegelte, den Ruf aus den Urwäldern erſchallen:Der alte Pan iſt tot. Aber nein, der alte Pan war nicht tot, er ſchlummerte nur, und er erwachte in Italien zur Renaiſſancezeit, er wurde anerkannt, und man huldigte ihm in Goethes, Schellings, Hegels Deutſchland.

Als ſich aus dem Streit zwiſchen Mendelsſohn und Jakobi die Thatſache ergiebt, daß Leſſing Spino⸗ ziſt geweſen, ſteht der deutſchen Leſewelt gleichzeitig die Überraſchung bevor, daß ſelbſt Jakobi der Anſicht iſt, jede konſequent durchgearbeitete Philoſophie müſſe mit Notwendigkeit zu Pantheismus und Spinozis⸗ mus führen. Der Pantheismus liegt von jetzt an in der Luft, und von dem Augenblick an, wo Goethe nach ſeiner erſten Lektüre Spinozas, überwältigt, hingeriſſen, ſich Spinoziſt nennt, von dieſem Augen⸗ blick an iſt der Geiſt des Pantheismus in der deutſchen Litteratur auf den Thron geſetzt, uund dieſer Geiſt der neuen Zeit feiert ſeine Vermählung mit der wiedergeborenen Antike, ſowie Fauſt ſeine Hochzeit mit Helena begeht, welche als das Symbol des griechiſchen Altertums hingeſtellt iſt. Den Höhepunkt in unſerer klaſſiſchen Litteratur bezeichnen die Namen: Leſſing, Goethe, Schiller. In erſterem hat man, was die Weltanſchauung betrifft, hauptſächlich den ſcharfen, theiſtiſchen Rationaliſt geſehen, und wie geſagt, erſt ſpäter ſtellte es ſich heraus, was ihm Spinoza geweſen.

Von einem Aufgehen in die Natur, von einem Sichverſenken in dieſelbe, werden wir bei Leſſing nicht reden dürfen; ihm, dem Luther der Litteratur, lagen ſeine Zwecke und ſeine reformatoriſche Be⸗ ſtimmung zu ſcharf vor Augen, als daß er ſich je einem trunkenen Naturgefühl hätte überlaſſen koͤnnen. Bei ſeiner hauptſächlich kritiſchen Geiſtesarbeit bedurfte er zu ſehr ſeines ganzen Ichs, um ſich deſſen je auch nur für Augenblicke entäußern zu können. Dennoch iſt auch er zu Spinoza in die Schule gegangen.