Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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Spinoziſtiſch iſt in Leſſing jene Genügſamkeit an allem, was dem Menſchen hier Sicheres gegeben iſt, in Fauſtiſche Grübeleien über das Unerforſchliche läßt er ſich nicht ein. Spinoziſtiſch iſt jene erhabene Reſignation, in der er auch zu Jakobi äußerte, er begehre keinen freien Willen, und wer wollte leugnen, daß in ſeinem chriſtlichen Juden, ſeinem Nathan, weſentliche Züge des portugieſiſchen Denkers verarbeitet ſind? Doch bei unſerer Betrachtung ſoll uns von den drei Geiſtesheroen vornehmlich Goethe beſchäftigen, in welchem unſere klaſſiſche Litteratur ja auch ihren eigentlichen Typus beſitzt.

Noch einige Worte darüber, weshalb Schiller ſich nicht zu dem dy zœl aay bekennt. Wenn die Poeſie Goethes, die eine Poeſie der Anſ chauung iſt, als ſolche mit der Natur und ihren ewigen Geſetzen zuſammenhängt, ſo iſt die Poeſie Schillers heimiſch in der Welt des Willens und ſteht daher mit der Ge⸗ ſchichte und ihren ringenden, vorwärts ſtrebenden Gewalten in engerer Verbindung. Was Spinoza für Goethe, das war Kant für Schiller. Wir ſuchen in Schillers Werken vergebens nach pantheiſtiſchen An⸗ klängen. Wohl brachte auch er der Antike reiche Opfer: in ſeinendie Götter Griechenlands,die Künſtler, die Ideale,das Ideal und das Leben, lebt, wenn man ſo will, ein entſchieden heidniſ cher, aber kein pantheiſtiſcher Geiſt. Seinem Genius war die Aufgabe vorbehalten, die höchſte poetiſche Gat⸗ tung, das Drama anzubauen und zur größtmöglichſten Vollendung zu führen. Dazu aber bedurfte er des Menſchen von ſeiten ſeines Charakters, nicht von ſeiten ſeiner Stimmungen und Gefühle. Was die Naturbetrachtung anlangt, ſo empfindet er in dieſem Sinne Leſſing nach. Er fühlt das Wohlthuende einer ſchönen Gegend, aber nicht den empfindſam⸗wehmütigen Eindruck, den wir geneigt ſind, daher zu em⸗ pfangen. Irgendwo ſagt er:Unſer Gefühl für Natur gleicht der Empfindung des Kranken für die Ge⸗ ſundheit. Es iſt nicht Naturmäßigkeit, was uns ſo ſchwärmeriſch zu ihr zieht, ſondern die Naturwidrigkeit unſerer Zuſtände und Sitten, weil die Natur bei uns verſchwunden iſt, und weil wir ſie nun außerhalb des Menſchen in der unbeſeelten Natur wiederfinden.

Doch zu Goethe!

Früh ſchon neigte ſich Goethes Geiſt dem Kultus der Natur zu, und dieſe Neigung führte ihn da⸗ hin, einen Blick zu thun auf den größten Pantheiſten des 16. Jahrhunderts, Giordano Bruno, deſſen philoſophiſche Anſchauung in folgenden Sätzen gipfelt:Gott iſt die wirkende Natur(natura naturans). Gott iſt den Dingen ſo gegenwärtig wie das Sein dem Seienden, die Schönheit den ſchönen Objekten. Jede der Welten iſt in ihrer und jedes Weſen in ſeiner Art vollkommen; es giebt kein abſolutes Uebel, nur in Bezug auf anderes beſteht der Unterſchied zwiſchen gut und übel. Alle Einzelweſen ſind dem Wechſel unterworfen, das Univerſum aber bleibt in ſeiner abſoluten Vollkommenheit ſtets ſich ſelbſt gleich. Der Pantheismus hat in der Form, die Bruno ihm gegeben, eine poetiſche Größe, die Goethe feſſeln mußte, zumal ſeine Neigung ſich ſchon in dieſer Richtung bewegte. Die Beſchäftigung mit Gior⸗ dano Bruno kann als Einleitung zu ſeinen ſpäteren ſpinoziſtiſchen Studien angeſehen werden. In ſeinem Tagebuch aus der Zeit ſeines Straßburger Aufenthalts finden ſich einige Bemerkungen, die beweiſen, wie ſehr ſich ſchon damals Goethe von den Ideeen des Pantheismus angezogen fühlte:

Getrennt über Gott und Natur abhandeln iſt ſchwierig und gefährlich, gerade als wenn wir über Leib und Seele geſondert denken. Wir erkennen die Seele nur durch das Mittel des Leibes, Gott nur durch Erkenntnis der Natur; daher ſcheint es mir verkehrt, diejenigen der Verkehrtheit zu zeihen, die durch ein durchaus philoſophiſches Raiſonnement Gott mit der Welt verknüpft haben. Denn alles was iſt, muß notwendig zum Weſen Gottes gehören, weil Gott das einzig Wirkliche iſt und alles um⸗ faßt. Auch die heilige Schrift iſt dieſer Anſicht nicht entgegen, obwohl wir ihre Ausſprüche nach ſeinem eigenen Urteil zu drehen einem jedem gern geſtatten. Das ganze Altertum war derſelben Anſicht, und auf dieſe Anſicht gebe ich viel. Denn das Urteil ſo großer Männer iſt mir ein Zeugnis, daß das

Emanationsſyſtem durchaus vernunftgemäß iſt, wenngleich ich zu keiner Schule ſchwören möchte. 1*