Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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ImWerther ſtürmt und jauchzt der leidenſchaftlichſte naturaliſtiſche Pantheismus; an verſchie⸗ denen Stellen haben wir bereits die pantheiſtiſchen Ideeengänge des Fauſt involviert. Ich citiere z. B. Folgendes aus Werthers Briefen an Wilhelm:

Das volle warme Gefühl meines Herzens an der lebendigen Natur, das mich mit ſo vieler Wonne überſtrömte, das ringsumher mir die Welt zu einem Paradieſe ſchuf, wird mir jetzt zu einem unerträg⸗ lichen Peiniger, zu einem quälenden Geiſt, der mich auf allen Wegen verfolgt. Wenn ich ſonſt vom Felſen über den Fluß bis zu jenen Hügeln das fruchtbare Thal überſchaute und alles um mich her keimen und quellen ſah; wenn ich jene Berge vom Fuße bis zum Gipfel mit hohen dichten Blumen be⸗ kleidet, jene Thäler in ihren mannigfaltigen Krümmungen von den lieblichſten Wäldern beſchattet ſah, und der ſanfte Fluß zwiſchen den liſpelnden Rohren dahingleitete und die lieben Wolken abſpiegelte, die der ſanfte Abendwind am Himmel herüber wiegte, wenn ich dann die Vögel um mich den Wald beleben hörte, und die Millionen Mückenſchwärme im letzten roten Strahl der Sonne mutig tanzten, und ihr letzter zuckender Blick den ſummenden Käfer aus ſeinem Graſe befreite, und das Schwirren und Weben um mich her mich auf den Boden aufmerkſam machte, und das Moos, das meinem harten Felſen ſeine Nah⸗ rung abzwingt, und das Geniſte, das den dürren Sandhügel hinunter wächſt, mir das innere, glühende, heilige Leben der Natur eröffnete: wie faßte ich das alles in mein warmes Herz, fühlte mich in der überfließenden Fülle wie vergöttert, und die herrlichen Geſtalten der unendlichen Welt bewegten ſich allbelebend in meiner Seele. Ungeheuere Berge umgaben mich, Abgründe lagen vor mir, und Wetter⸗ bäche ſtürzten herunter, die Flüſſe ſtrömten unter mir, und Wald und Gebirg erklang; und ich ſah ſie wirken und ſchaffen in einander in den Tiefen der Erde, alle die unergründlichen Kräfte, und nun über der Erde und unter dem Himmel wimmeln die Geſchlechter der mannigfaltigen Geſchöpfe. Alles, alles bevölkert mit tauſendfachen Geſtalten. Ach, damals, wie oft habe ich mich mit Fittigen eines Kranichs, der über mich hinflog, zu dem Ufer des ungemeſſenen Meeres geſehnt, aus dem ſchäumenden Becher des Unendlichen jene ſchwellende Lebenswonne zu trinken und nur einen Augenblick in der eingeſchränkten Kraft meines Buſens einen Tropfen der Seligkeit des Weſens zu fühlen, das alles in ſich und durch ſich hervorbringt.

Und an einer andern Stelle:

Eine ſtürmende See im Sauſen des Windes! Und wenn dann der Mond wieder hervortrat und über der ſchwarzen Wolke ruhte, und vor mir die Flut in fürchterlich⸗herrlichem Wiederſchein rollte und klang, da überfiel mich ein Schauer und wiederum ein Sehnen! Ach, mit offenen Armen ſtand ich gegen den Abgrund und atmete hinab! hinab! und verlor mich in der Wonne, meine Qualen, meine Leiden da hinabzuſtürmen! Dahinzubrauſen wie die Wellen! O, wie gern hätte ich mein Menſchſein drum gegeben, mit jenem Sturmwinde die Wolken zu zerreißen, die Fluten zu faſſen ꝛc.

Und nun erſt im Fauſt! Unter allem anſcheinenden Theismus iſt der Grundzug ſtets der Ge⸗ danke von dem All und Einen, verbrämt mit einem Anfluge von Myſticismus. Der Monolog des Fauſt

in ſeiner Studierſtube, die Antwort an Gretchen ſind charakteriſtiſche Belege hierfür: Wer darf ihn nennen, Und wer bekennen: Ich glaub' ihn? Wer empfinden Und ſich unterwinden Zu ſagen: ich glaub' ihn nicht? Der Allumfaſſer, Der Allerhalter, Faßt und erhält er nicht Dich, mich, ſich ſelbſt?