Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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Damals hatte Goethe noch nicht Spinoza geleſen. Nachdem er ſich mit den Schriften desſelben ein⸗ gehender bekannt gemacht hatte, ſagt er:Nachdem ich mich nämlich in aller Welt um ein Bildungs⸗ mittel meines wunderlichen Weſens umgeſehen hatte, geriet ich endlich an die Ethik dieſes Mannes. Was ich mir aus dem Werke mag herausgeleſen, was ich in dasſelbe mag hineingeleſen haben, davon weiß ich keine Rechenſchaft zu geben, genug ich fand hier eine Beruhigung meiner Leidenſchaften, es ſchien ſich mir eine große und freie Ausſicht über die ſinnliche und ſittliche Welt aufzuthun. Die alles ausgleichende Ruhe Spinozas contraſtierte mit meinem alles aufregenden Streben, ſeine mathematiſche Methode war das Widerſpiel meiner poetiſchen Sinnes⸗ und Darſtellungsweiſe, und eben jene geregelte Behandlungsart, die man ſittlichen Gegenſtänden nicht angemeſſen finden wollte, machte mich zu ſeinem leidenſchaftlichſten Schüler, zu ſeinem entſchiedenſten Verehrer. Geiſt und Herz, Verſtand und Sinn ſuchten ſich mit notwendiger Wahlverwandtſchaft, und durch dieſe kam die Vereinigung der verſchiedenſten Weſen zuſtande.

Mit ſo großer Verehrung er aber den Spinoza auch ſtudierte, ſyſtematiſch trieb er dies Studium nicht. Die mathematiſche Form, in welche dieſer Denker den Granit ſeiner Gedanken gegoſſen hat, war für einen ſo ungeduldigen, abſpringenden, unmathematiſchen Kopf wie Goethe ein unüberſteigliches Hin⸗ dernis. Aber ein Studium kann ſehr unſyſtematiſch und doch ſehr fruchtbar ſein, eine einzige Wendung kann befruchten, wenn ſie auf den rechten Boden fällt. Für Goethe genügten einige wenige Ideeen Spinozas, um ſeinem Geiſte Richtung zu geben. Unſchwer laſſen ſich im Prometheus, in der Diana der Epheſer, in der Iphigenie die unmittelbaren Ergebniſſe der ſpinoziſtiſchen Studien nachweiſen. Im Prometheus iſt die großartige Reſignation, mit welcher der gequälte Titan die Dinge und Ereigniſſe nimmt wie ſie ſind und in allem was iſt und geſchieht, eine Reihe von Naturerfolgen ſieht, an denen ſich nichts ändern läßt und über deren Wertunterſchiede ſich zu härmen, für den denkenden Menſchen ſich nicht der Mühe lohne, ganz im Geiſte Spinozas. Die leidenſchaftlichſte Ruhe der Darſtellung in derIphigenie, die Freiheit von aller Rhetorik, die einfache Entſchiedenheit, mit der die Gedanken hin⸗ geworfen werden, all' das, was man als klaſſiſche, antike Ruhe zu bezeichnen ſich gewöhnt hat, das könnte man mit größerem Recht als ſpinoziſtiſches Element bezeichnen.

Dieſelbe Auffaſſung der Antike, wie wir ſie in Goethes erſter Kraftperiode haben, treffen wir am entſchiedenſten ausgeſprochen bei Friedrich Hölderlin, einem Dichter edelſten Stils, dem die Ideale Griechenlands in Fleiſch und Blut übergegangen ſind und deſſen Seele ſich durch und durch mit der philoſophiſchen Weltanſchauung der Hellenen getränkt hat. Seine philoſophiſchen Studien, ſeine Begei⸗ ſterung für Rouſſeauſche Ideeen führten ihn mit Notwendigkeit auf dieſen heidniſchen Naturalismus. Seine Gedichte ſind faſt alle eine Apotheoſe des dahingeſchwundenen Hellenentums. In ſeinem Romane Hyperion, der durch Schellings Anſichten hervorgerufen wurde, zeigt ſich Hölderlin als den feurigſten Apoſtel des d àιααςςον ειαι. ImHyperion ſoll das philoſophiſche Thema durchgeführt werden, daß es zwei Ideale unſeres Daſeins gebe, einen Zuſtand der höchſten Einfalt, in dem unſere Bedürfniſſe mit ſich ſelbſt und mit unſeren Kräften durch die bloße Organiſation der Natur gegenſeitig zuſammen⸗ ſtimmen, und einen Zuſtand der höchſten Bildung, in welchem dasſelbe ſtattfinden würde bei unendlich vervielfältigten und verſtärkten Bedürfniſſen und Kräften durch die Organiſation, die wir uns ſelbſt zu geben imſtande ſeien, und dabei ſollteneinige der Richtungen, die der Einzelne, wie das ganze Ge⸗ ſchlecht, auf dem Wege von jenem erſten zu dieſem zweiten Punkt durchlaufe dargeſtellt werden. Als Schauplatz wählte Hölderlin das Griechenland der Gegenwart, um dort jederzeit einen Blick in die Ver⸗ gangenheit, in die erſte Periode der Glückſeligkeit, werfen zu können. Die pantheiſtiſche Gefühls⸗ ſchwelgerei Hölderlins mögen zwei kleine Gedichte zeichnen: