Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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Die Götter vergehen: ſie dämmern.

Aber unvergänglich iſt der ewige Gott: das Allgeſetz. Verzagen, verzweifeln in elender Angſt vor Tod und Vernichtung iſt furchtſam, verächtlich. Wer ſein Leben nicht kann opfern dem ewigen All', von dem er's empfangen den dem Feigling vergleich' ich, welcher ſich weigert für ſein Volk zu fallen bei hallendem Heerhorn.

Wen der Troſt nicht tröſtet, daß auf ewig das All wechſelnde Wandlungen wirkt, daß Leben, Licht und Liebe unerlöſchlich lodern im Unendlichen, daß andere ernten, wo er ſäet, daß andere erben, wann er ſelber verſank, die Luſt des Lebens: den tröſtet kein Troſt als trügender Traum.

Wir ſind am Ende unſerer Betrachtung. Es war nicht unſere Abſicht, das Thema zu erſchöpfen, ſondern dem Liebhaber und Freund der deutſchen Litteratur, dem gebildeten Laien einen Überblick über eine bedeutende geiſtige Strömung in der Poeſie der Neuzeit zu verſchaffen. Daß da, wo es ſich um eine einfache klare Beleuchtung des thatſächlich Vorliegenden handelt, eine ſcharfe kritiſche Unterſuchung wegfallen mußte, erhellt aus der Natur der Sache.

Die pantheiſtiſche Anſchauungsweiſe, die alles Endliche als verſchwindenden Modus in den Abgrund der einen ewigen Subſtanz verſenkt, führt nicht nur in der philoſophiſchen, ſondern auch in der poe⸗ tiſchen Darſtellung gar leicht zu allerhand Unklarheiten und myſtiſchen Spielereien. Bei dem völligen Verſenken in das dy za*l ᷣꝝ weicht das feſte ſichere Land der gegenſtändlichen Welt allmählich zurück, der Blick ſchweift ins Endloſe und findet nirgends einen Ruhepunkt, unſer Geiſt fühlt ſich emporge⸗ tragen in eine Luftregion, in welcher man das Endliche wie aus einer Vogelperſpektive betrachtet, oder wo die Dinge ſich in bloßen Schein auflöſen. Aber gerade der Dichter muß ſich vornehmlich davor hüten, die konkrete Wirklichkeit aus den Augen zu verlieren und ſich in Höhen zu verſteigen, wohin man an⸗ gefröſtelt von der Luft der Abſtraktion nur ungern folgt. In allem Pantheismus liegt mit Not⸗ wendigkeit ein myſtiſches Element verborgen, weil das Endliche ſich mit dem Abſoluten in Eins zu ſetzen ſtrebt. Wie ſehr aber der Myſticismus die plaſtiſchen Umriſſe poetiſcher Gebilde beeinträchtigt, ſahen wir beim Hinweis auf die romantiſche Schule. Die letztgenannten Dichter hingegen haben nichts gemein mit den wirren Phantasmen der Romantiker, ſondern laſſen an Klarheit der Form und Reichtum des Ausdrucks nichts zu wünſchen übrig. 3

CSON

Druck von Wilhelm Keller in Gießen.