Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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Nirvana von Kinkel.

Sein großes Auge brach;

Die Hand, die Leiden liebevoll geſtillt,

Hob ſegnend er noch einmal mild,.. Als er ſein letztes Wort zum Kreis der Jünger ſprach:

Nirvana, du biſt mein!

Ich weiß, ich werde nie mehr wiederkommen; Der Qual des eignen Seins entnommen Wird heut mein Geiſt in Gott vernichtet ſein.

O, Buddha, Liebesheld!

Dir flammt in Glauben noch des Oſtens Welt! Auch ich, des Weſtens Kind,

In Gottestrunkenheit wie du geſtimmt,

Ich ſehne innig mich nach dem Vergehn,

Nicht nach dem Auferſtehn!

Wer ſeinen Kreis erfüllt;

Wem ſich das All in Schönheit hat enthüllt, Wem Frauengunſt gelacht,

Wem Liebe ſcharfe Glut im Herzen angefacht, Wem oft die Schläfe heiß

Gepocht unter der Lebensarbeit Schweiß;

Wer forſchend ſich gemüht,

Wem des Gedankens Saatfeld aufgeblüht Der aus des Eigenlebens Fieberhaſt

Sehnt ſich nach traumlos tiefer Schlummernacht.

Wie in der ſchlummernden Liebſten Schoß

Wir ſelig ſinken,

So auch in Gott, des Wollens, Denkens bloß,

Laßt Raſt mich trinken.

Kein jüdiſch Hoſiannah, kein griechiſcher Sphärenklang, Kein flauer Engelſang!

Kein Zählen der Million von Funkelſternen,

Kein Wiſſen ohne Lernen!

Nur ganz in Gott vergehn! Es ſoll allein

Nirvana ſein!

In folgenden Gedichten Kellers lebt eine freudige Zuverſicht bei dem Gedanken an das Zurück⸗ kehren ins All. Der Blick auf die Natur in ihrem wechſelnden Leben ſcheint ihm auf immer den egoiſtiſchen Wunſch nach einer perſönlichen Fortdauer aus der Seele zu reißen.

Flack're, fernes Licht im Thal, Durch die Nacht mit leiſem Blinken: Noch vor Morgen wird dein Strahl Endlich in ſich ſelbſt verſinken!

Rauſche, ſinge, ſchöner Fluß!- Dein Geſang wird fortbeſtehen; Aber jede Welle muß Endlich doch im Meer vergehen.