Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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ſeinen ſpäteren Werken tritt ſehr oft die Empfindung hinter den Gedanken zurück. In dem Lehrge⸗ dichteDie Weisheit des Brahmanen und in demErbaulichen und Beſchaulichen aus dem Morgen⸗ lande iſt Rückert ganz zum didaktiſch reflektierenden Dichter, zum ſpekulativen Denker, zum Philoſophen geworden. Er enwickelt ſeine Weltanſchauung, die man wohl als einen orientaliſchen Pantheismus be⸗ zeichnen kann, lehrt, daß Gott fortwährend in der geſamten Natur allgegenwärtig, daß das größte Ge⸗ fühl der Glückſeligkeit das Sicheinswiſſen mit Gott ſei, und führt dann dieſe Grundanſchauung geiſtreich nach allen Seiten hin weiter aus. Das poetiſche Bekenntnis der Hoffnungsloſigkeit des Pantheismus, die poetiſch⸗enthuſiaſtiſche Ergebung in das Schickſal einer nur gattungsmäßigen, nicht perſönlichen Fort⸗ dauer iſt in Rückerts Gedichtdie ſterbende Blume ausgeſprochen:

Ohne Kummer ſchlaf' ich ein,

Ohne Hoffnung aufzuſtehn!

Die behagliche Beſchaulichkeit des Orients atmen auch die Poeſien Schefers. Neben Rückerts Weisheit des Brahmanen ſtellt ſich würdig ſeinLaienbrevier. Das Werk iſt wie ein Brevier ein⸗ gerichtet, jedem einzelnen Tage des Jahres iſt eine Betrachtung gewidmet. Der Grundgedanke in allen Betrachtungen iſt der, daß man in allen Lagen des Lebens zunächſt darauf bedacht ſein müſſe, Menſch zu bleiben, und daß der Menſch ſeine höchſte und innigſte Freude nur im Genuß der Natur ſuchen dürfe. Zur Begründung dieſer orientaliſch⸗pantheiſtiſchen Glaubensanſicht entfaltet der Dichter einen großen Ge⸗ danken⸗ und Bildungsreichtum und nicht ſelten einen bezaubernden Glanz der Sprache.

Die melancholiſchen Lieder Lenaus, die von dem Geheimnis des Todes, von Werden und Ver⸗ gehen ſingen, tragen alleſamt eine pantheiſtiſche Färbung. Das epiſch⸗dramatiſche GedichtFauſt erhebt ſich ganz auf der Baſis der pantheiſtiſchen Weltanſchauung. Aus den Waldliedern, die ſich durch unüber⸗ troffene Naturſymbolik auszeichnen, citieren wir einige Strophen:

In dieſes Waldes leiſem Rauſchen Iſt mir, als hör' ich Kunde wehen,

Daß alles Sterben und Vergehen Ein heimlich ſtillvergnügtes Tauſchen.

Im Herzen wird es helle, Und heim zum ew'gen Quelle Der Jugend darfſt du ſinken, Dich friſch und ſelig trinken.

Sehnſüchtig zieht entgegen Natur auf allen Wegen

Als ſchöne Braut im Schleier Dem Geiſte, ihrem Freier.

All' ihre Pulſe beben

In ihm, in ihm zu leben, Vor ihm dahinzuſinken, Den Todeskuß zu trinken.

So lauſcht und rauſcht die Seele, Daß Gott ſich ihr vermähle, Fühlt ſchon den Odem wehen, In dem ſie wird vergehen. Von den Dichtern der unmittelbaren Gegenwart führen wir Kinkel und Gottfried Keller mit

einigen Liedern an, in denen der Geiſt des Pantheismus lebt: