Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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angehörig zu ſchildern, ſo daß Vergangenheit und Zukunft ſtets als Ahnung oder Erinnerung in die Gegenwart hineinſpielen, eine Art Seelenwanderung. In Magie und Myſtik verſchwimmt zuletzt alles. Gleich ſtark tritt bei Novalis die pantheiſtiſche Myſtik hervor, mit einer gewiſſen ſinnlichen Färbung. Als Beleg dafür ſeine Hymnen:

Hinüber wall' ich,

Und jede Pein

Wird einſt ein Stachel

Der Wolluſt ſein.

Noch wenig Zeiten, So bin ich los

Und liege trunken Der Lieb' im Schoß.

Es bricht die neue Welt herein

Und verdunkelt den hellſten Sonnenſchein. Man ſieht nun aus bemooſten Trümmern Eine wunderſeltſame Zukunft ſchimmern, Und was vordem alltäglich war,

Scheint jetzo fremd und wunderbar.

Der Liebe Reich iſt aufgethan,

Die Fabel fängt zu ſchimmern an.

Das Vorſpiel jeder Natur beginnt,

Auf kräftige Worte jedes ſinnt,

Und ſo das große Weltgemüt

überall ſich regt und unendlich blüht.

Die Welt wird Traum, der Traum wird Welt, Und was man glaubt, es ſei geſchehn,

Kann man von weitem erſt kommen ſehn; Frei ſoll die Phantaſie erſt ſchalten,

Nach ihrem Gefallen die Fäden verweben, Hier manches verſchleiern, dort manches entfalten Und endlich in magiſchem Dunſt verſchweben. Wemut und Wolluſt, Tod und Leben

Sind hier in innigſter Sympathie,

Wer ſich der höchſten Lieb' ergeben,

Geneſt von ihren Wunden nie.

Dieſer Myſticismus iſt im Leben notwendiger Quietismus d. h. Verherrlichung des rein vege⸗ tierenden, pflanzenartigen Lebens.Die Gewächſe, ſagt Novalis,ſind die unmittelbarſte Sprache des Bodens; jedes neue Blatt, jede ſonderbare Blume iſt irgend ein Geheimnis, das ſich hervordrängt, und das, weil es ſich vor Liebe und Luſt nicht bewegen und nicht zu Worten kommen kann, eine ſtumme, ruhige Pflanze wird. Findet man in der Einſamkeit ſolche Blume, iſt es da nicht, als wäre alles umher verklärt, und hielten ſich die kleinen befiederten Töne am liebſten in ihrer Nähe auf? Man möchte vor Freuden weinen und abgeſondert von der Welt nur ſeine Hände und Füße in die Erde ſtecken, um Wurzeln zu treiben und nie dieſe glückliche Nachbarſchaft zu verlaſſen. Wir ſehen zur Genüge, daß dieſer Naturalismus ſich ins Nebuloſe und teilweiſe ins Krankhafte verirrt. Als die Romantik ſich aus⸗ gelebt hatte, und man ſich wieder einer mehr realiſtiſchen Auffaſſung in der Poeſie befleißigte, hatte ſich damit doch nicht der Pantheismus ausgelebt, derſelbe liegt den Produktionen vieler moderner Dichter ebenſo ausgeſprochen zu Grunde, wie unſerer klaſſiſchen Litteraturepoche und der romantiſchen Schule.

Da ſind in erſter Linie aus der ſchwäbiſchen Dichterſchule zu nennen: Friedrich Rückert und Leopold Schefer. Rückert neigt ſich in ſeinen Gedichten vornehmlich der Beſchauung und Reflexion zu, in

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