Aufsatz 
Der Pantheismus in der poetischen Litteratur der Deutschen im 18. und 19. Jahrhundert / von (Hermann) Mensch
Entstehung
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theismus. Es heißt z. B. imSternbald:Oft horchen wir auf und ſind auf die neue Zukunft begierig, auf die Erſcheinungen, die an uns mit bunten Zaubergewändern vorüber gehen ſollen: dann iſt es, als wollte der Waldſtrom ſeine Melodie deutlicher ausſprechen, als würde den Bäumen die Zunge gelöſt, damit ihr Rauſchen in verſtändlicherem Geſang dahin rinne. Nun fängt die Liebe an, auf fernen Flötentönen heran zu ſchreiten, das klopfende Herz will ihr entgegen fliegen, die Gegenwart iſt wie durch einen mächtigen Bannſpruch feſtgezaubert, und die glänzenden Minuten wagen es nicht zu entfliehen. Ein Zirkel von Wohllaut hält uns mit magiſchen Kräften eingeſchloſſen, und eine neue ver⸗ klärtere Exiſtenz ſchimmert wie rätſelhaftes Mondlicht in unſer wirkliches Leben hinein. Oder an einer andern Stelle:O, unmächtige Kunſt, wie lallend und kindiſch ſind deine Töne, gegen den vollen harmoniſchen Orgelgeſang, der aus den innerſten Tiefen, aus Berg und Thal und Wald und Stromes⸗ glanz in ſchwellenden, ſteigenden Akkorden herauf quillt! Ich höre, ich vernehme, wie der ewige Welt⸗ geiſt mit meiſterndem Finger die furchtbare Harfe mit allen ihren Klängen greift, wie die mannigfaltigſten Gebilde ſich ſeinem Spiel erzeugen und umher und über die ganze Natur ſich mit geiſtigen Flügeln aus⸗ breiten. Die Begeiſterung meines kleinen Menſchenherzens will hinein greifen und ringt ſich müde und matt im Kampfe mit dem Hohen.... Die unſterbliche Melodie jauchzt, jubelt und ſtürmt über mich hinweg. Die beiden Dramen Tiecks, das TrauerſpielLeben und Tod der heiligen Genovefa und das zehn⸗

aktige LuſtſpielKaiſer Oktavian ſind eigentlich nur dem Namen nach Dramen. Worauf es Tieck allein ankommt, iſt, was erdas Klima der Begebenheit nennt, ihre Luft und ihr Duft, ihr Ton und ihre Farbe, ihre Stimmung und Abſpiegelung im Gemüt, ihre eigentümliche Beleuchtung, welche unver⸗ änderlich die des Mondſcheins iſt. In der Einleitung zumPhantaſus hat Tieck ſelbſt geſchildert, wie alle beſtimmten Eindrücke von der Außenwelt ihm in einem myſtiſchen Naturpantheismus zuſammenfließen:

Was ich für Grott' und Berg gehalten,

Für Wald und Flur und Felsgeſtalten,

Das war ein einzig großes Haupt,

Statt Haar und Bart mit Wald umlaubt.

Still lächelt er, daß ſeine Kind'

Im Spielen glücklich vor ihm ſind;

Er winkt, und ahnungsvolles Brauſen

Wogt her in Waldes heil'gem Sauſen.

Da fiel ich auf die Knie nieder,

Mir zitterten in Angſt die Glieder.

Ich ſprach zum Kleinen nur das Wort: Sag' an, was iſt das Große dort?

Der Kleine ſprach: Dich faßt ein Graun, Weil Du ihn darfſt ſo plötzlich ſchaun, Das iſt der Vater, unſer Alter,

Heißt Pan, von Allem der Erhalter.

Aber was ſolchermaßen von Wald und Berg bei Tieck gilt, das gilt eben ſo ſehr vom Menſchen; auch hier ertränkt er alle Beſtimmtheit und allen Charakter in den buntfarbigen Wellen der Natur⸗ myſtik. Man bleibt nicht dabei ſtehen, die Kunſtform aufzulöſen; man löſt die menſchliche Perſönlichkeit ſelber auf.

Novalis iſt es, der damit in ſeinemHeinrich von Ofterdingen den Anfang macht. Dieſer Roman beyegt ſich in myſtiſchen Träumereien, in leeren Phantaſtereien und hat durchaus keinen Boden unter den Füßen. Ein einzelnes Individuum will der Dichter zum Träger der ganzen, ewigen Ge⸗ ſchichte des Gemüts machen und benutzt dazu das Mittel, ihn als mehreren Geſchlechtern nacheinander