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fühl, für ſeine weite, vom Horizont der Naturforſchung umſchloſſene Anſchauung waren die politiſchen Lebensakte der Völker eben auch nur Phänomene, wie andere mehr, denen er keine entſcheidende Wichtig⸗ keit beimaß. So kann denn von Rechts wegen ſeine Poeſie mit ihrem Haß gegen die politiſche Wirklich⸗ keit, mit ihrer Naturſymbolik, mit ihrer Vorliebe für die bildende Kunſt und mit ihrem ſchließlichen Uebergang in Quietismus, als der natürliche Vorgänger und Wegweiſer der romantiſchen Schule er⸗ ſcheinen, die denn bekanntlich auch den Altmeiſter der deutſchen Litteratur als ihr Haupt erklärte und ſich äußerſt ablehnend gegen Schiller verhielt.
So tief liegt der Pantheismus zur Zeit in der Luft, daß die romantiſche Schule in Wirklichkeit, krotz all' ihrer katholiſchen Tendenzen, ebenſo pantheiſtiſch wie Goethe und Hölderlin iſt. Der häufige übertritt zum Katholicismus von Mitgliedern dieſer Schule iſt keineswegs eine Inkonſequenz, panthei⸗ ſtiſche Vorſtellungen laſſen ſich ſehr wohl mit katholiſchen Dogmen verbinden. Die romantiſche Schule iſt von einer gewiſſen Seite betrachtet noch pantheiſtiſcher als die antikiſierende. Denn der indiſche Geiſt hat einen ganz anderen pantheiſtiſchen Charakter als der griechiſche. Der antike Beſchauer verlieh der unperſönlichen Natur Perſönlichkeit. Der antike Dichter verſtand nicht die Natur, ſeine eigene Perſön⸗ lichkeit ſtand ihm überall zu ſtark im Wege, ſie ſpiegelte ſich überall vor ſeinem Auge ab. Er ſah nichts anderes vor ſich als Perſonen. Sein Pantheismus war anthropomorphiſtiſch. Gerade umgekehrt der ro⸗ mantiſche Dichter, bei dem das ganze Gefühlsleben pantheiſtiſch gefärbt erſcheint. Er entkleidet ſein eigenes Ich der Perſönlichkeit, um die Natur zu verſtehen. Sein Weſen fließt mit den Wellen dahin, fliegt und klagt mit dem Winde, ſchwebt mit dem Mond durch den Himmelsraum, fühlt ſich als Eins mit dem formloſen Allleben. Durch Schelling erhielt die Doktrin der Romantiker erſt ihre rechte philoſophiſche Begründung. In ſeiner Naturphiloſophie ſtoßen wir auf eine Analogie mit indiſchen Vorſtellungen. Denn die Anſchauung, daß Allem eine ununterbrochen ſchaffende, gleichſam gaukelnde Phantaſie zu Grunde liege, daß die wahre Welt eine Welt des Scheins ſei, in welcher eine göttliche Jronie, dieſelbe Iröonie, mit der die Romantiker ſo viel zu ſchaffen hatten, beſtändig ihre eigenen Schöpfungen zu nichte mache, wie das Meer all ſeine eigenen Wellen verſchlinge, dieſe Anſchauung iſt ihrem Kern nach urver⸗ wandt mit der bekannten indiſchen Lehre, daß Alles Täuſchung und Schein ſei. Erſt mit Hegel tritt wieder die antike Anſchauung ein. Hegel kehrt zur Reflexion und Verſtandespflege, zum methodiſchen Denken zurück. Jedoch verſchwindet deshalb bei ihm nicht der Pantheismus, es iſt nur wieder ein griechiſcher Pantheismus wie bei Goethe, welcher den morgenländiſchen, es iſt der Pantheismus des Ge⸗ dankens, welcher den der Vorſtellung ablöſt. Allen ſo weit auseinander fallenden Beſtrebungen und Produktionen der Romantiker gemeinſam, iſt die Aufhebung des Individuellen und eine über alles Maß hinausgehende Gefühlsphantaſterei. Man kehrt in ſolchem Grade zur Natur zurück, daß man zur Pflanze zurückkehrt. Der ruhende Genuß im reinen Vegetieren des ewig dauernden Augenblicks würde das Höchſte ſein; das dolce far niente wäre der Gipfelpunkt des Lebens, ſich ohne Abſicht auf dem innern Strom ewig fließender Bilder und Gefühle frei zu bewegen.
Indem man die Begeiſterung für die muſikaliſche Stimmungsinnigkeit auf die Dichtkunſt überträgt, wird denn auch die in Stimmungen und Klingklang aufgehende Poeſie die einzig wahre. Handgreifliche Körperlichkeit, feſte Plaſtik, ſelbſt nur plaſtiſche Geſtaltung von Seelenzuſtänden wird verſchmäht. Jede phyſiognomiſche Beſtimmtheit löſt ſich auf. Man fürchtet an Unendlichkeit und Tiefe zu verlieren, was man vielleicht an Begrenzung und Form hätte gewinnen können.
Tiecks Lyrik ähnt der Goethiſchen wie Wolken am Horizont feſten Schneegebirgen ähnlich ſehen. Der kräftige Naturpantheismus, welcher bei Goethe plaſtiſch iſt, und welcher ſich bei ihm in der Geſtal⸗ tung der„Diana der Epheſer“ äußert, iſt hier muſikaliſch geworden. Wie ein ſtark geſammelter Strom brauſt durch Tiecks Jugendſchriften unter aller Frömmigkeit in breiten Wogen der romantiſche Pan⸗


