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unbescheiden gewesen zu sein(Vollendung in der Vergangenheit). Er wird fürchten unbe- scheiden gewesen zu sein(Vollendung in der Zukunft). Der Infinitiv hat eine dreifache Ge- stalt; er erscheint 1) als reiner Infin. loben; 2) als präpositionaler Infin. zu loben; 3) als sub- stantivierter Infin. das Loben.
1.
I. Der reine(blosse) Infinitiv dient in seiner präsentischen Form zur Bildung des Futurs I Act. bezw. Pass. ich werde sehen, ich werde gesehen werden; in seiner perfektischen Form zur Bildung des Futurs II Act., bezw. Pass. ich werde gesehen werden, bezw. ich werde gesehen worden sein;
. als Subjekt bei den Verben sein und heissen(= bedeuten, sein) z. B.: Raten ist leicht,
nach einem Rate handeln oft schwer. Verachtet werden heisst mehr als sterben. Geben ist schöner als nehmen;
als Prädikatsnomen bei den Verben sein und heissen; man fragt nach dem Infinnitiv z. B. mit: was kann er thun, was kann er erleiden? Das heisst nicht Gott vertrauen, das heisst Gott versuchen;
. als Objekt nach den 6 Hülfszeitwörtern der Aussageweise!¹); Beisp.: die Häduer können
beruhigt sein;
nach den Verben lassen, heissen(gebieten), lehren, lernen, helfen, machen und einzelnen Verben der Sinneswahrnehmung: sehen, hören, fühlen, finden. Der Kasus macht mich lachen. Cäsar half den Galliern die Germanen vertreiben. Bei den genannten Verben der Sinneswahrnehmung vertritt der Infinitiv das früher häufiger und jetzt noch zuweilen vorkommende Participium. Cäsar sah die Sequaner weinen; man könnte dafür auch sagen: C. sah die Sequ. weinend. Hier ist dann das Partizip bei video, cerno, adspicio, adminadverto als Ausdruck der Lage oder des Zustandes, in dem man die betreffende Person oder Sache wahrnimmt, zu erwähnen; hierher gehört auch die Regel, dass bei den Verben der sinnl. und geist. Wahrnehmung im Griechischen das Particip folgt, wenn eine Thatsache wahrgenommen wird. Zu betonen ist auch an dieser Stelle, dass Sätze wie: C. sah die Sequaner weinen, nicht einen Acc. c. Inf. enthalten; vielmehr ist. ein Accus. c. Inf. heutzutage nur noch nach den Verben heissen, lassen, machen zu finden. Cäsar hiess die Sequaner aufstehen. Diese Konstruktion ist deshalb als Acc. c. Inf. zu fassen, weil der Akkusativ hier ohne den folgenden Infinitiv unzulässig ist, während in dem obigen Satze„die Sequaner“ als Objekt und„weinen“ als reiner(blosser) Infinitiv zu fassen ist.
II. Der Infinitiv mit der Präposition zu. Er wird gebraucht:
. zur Angabe des Zweckes nach intransitiven Verben wie gehen, eilen, kommen und tran-
sitiven Verben wie geben, schicken.(äsar eilte nach Gallien zu kommen; lat.: Caesar contendit, ut in Galliam veniret. Er gab uns nichts zu essen. Cicero gab dem Sklaven den Brief zu besorgen. Cicero servo litteras deferendas tradidit.
Im Unterschied vom Deutschen und Griechischen dient im Lateinischen der Infinitiv niemals zur Bezeichnung des Zweckes; daher steht entweder wie oben ut oder bei den Verben des Beauftragens und UÜbernehmens(curo do, trado, mitto impono, propono re- linquo, accipio, suscipio, concedo, permitto, loco und conduco) das Gerundivum als prädi- katives Attribut; Beisp.: Cäsar überliess es den Soldaten, die Stadt zu plündern; Caesar militibus urben diripiendam reliquit. Statt des Infinitivs„zu“ wird häufig der substan- tivierte Infinitiv oder ein Substantiv auf ung mit der Präposition„zu“, die den Zweck
¹ Uber sie vergl. Beil. III.


