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1. Teil (1895)
Entstehung
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erstanden, wankend, hohlen Augs«(vgl. v. 185 ff. u. v. 244), ferner nicht als ein Mann, den ein hartes Geschick über die eignen Irrtümer aufgeklärt, so dals er sich seinen Brüdern als war- nendes Beispiel hinstellen kann(vgl. v. 206 ff.), weiter nicht als ein Fürst, der, weit entfernt nach Rache zu dürsten, nach langer Kerkernacht endlich in die Welt zurückkehrt, um nur noch Ruhe und Versöhnung zu suchen(vgl. v. 384 f.): um es kurz zu sagen, nicht als ein innerlich und äulserlich gebrochener Mann trat Ernst damals vor den Kaiser, um sich dann aus so tiefer Entmutigung zu einem um so ergreifender wirkenden Heroismus der Treue zu erheben: viel- mehr mufs er vorher schon ganz klar gewulst haben, was man dort von ihm fordern werde, und nicht minder mufs er zum Widerstand schon vorher entschlossen gewesen sein. War er doch nicht allein zu Ingelheim erschienen; unmittelbar darauf schon ist er aufs Eifrigste bemüht, eine Erhebung im Grofſsen, wie früher, gegen Konrad zu organisieren(multa cogitans, multa moliens, qualiter imperatori resisteret, sagt Wipo) und dabei ist Graf Werner schon sein Gehülfe und Genosse; die Worte Wipos(assumpto Wezelone milite suo cum aliis paucis perrexit in Franciam Latinam ad Oudonem comitem) zeigen, dals Ernst seinen Freund nach dem Tag zu Ingelheim nur zu rufen brauchte, um sich seiner thatkräftigen Unterstützung zu erfreuen. Es ist sonach weiter durchaus wahrscheinlich, daſs die beiden Freunde sorgfältig alle Schritte vorher zusammen erwogen haben, und dals Ernst als Herzog von Schwaben nach Ingelheim gegangen ist in berechtigtem Vertrauen auf seine wiedergewonnene Macht und in der bestimmten Absicht, dem Kaiser sich nicht zu fügen; er wulste so gut wie der Kaiser selbst, dals gefährliche Kämpfe mit dem Polenkönig Mesko be- vorstanden, der nach Thietmars, des Grafen der Ostmark, Tod schon im Januar 1030 in Sachsen eingefallen war und furchtbar wütete in dem Land zwischen Elbe und Saale. Hatte Ernst nicht allen Grund von der Gefährlichkeit gerade dieses Gegners Konrads, mit dem letz- terer schon im Jahre vorher unglücklich gekäümpft, Vorteile für seine eigne Sache wenig- stens in so weit zu erwarten, daſs der Kaiser verhindert sein würde, energisch den Kampf gegen ihn aufzunehmen? Ebenso wuſste Ernst, dals es mit König Stephan von Ungarn bald zum offenen Kampf kommen werde. Mit diesen Verhültnissen hat Ernst gewiſs gerechnet, als er dem Kaiser zu Ingelheim den Gehorsam verweigerte, aber nicht minder auch der Kaiser, als er angesichts dieser Gefahren mit den schärfsten Mitteln Sicherheit und Ordnung im eigenen Hause schaffen wollte. Da droht denn freilich die leuchtende Gestalt Ernsts, in der man den Typus edelherziger Freundschaft zu erblicken sich gewöhnt hat, hinter dunklen Schatten zu verschwinden. In der That zeichnen auch die Quellen, selbst der Hofhistoriograph Wipo, uns den Sohn Giselas als einen durchaus unbotmäfsigen. unbedachtsamen, in schnödester Weise undankbaren Jüngling, dessen Verhalten zu Ingelheim vollends, fügen wir hinzu, fast an Hochverrat grenzte. Trotzdem aber ist und bleibt die Ablehnung jener Forderung des Kaisers durch Ernst, von welchen Erwägungen sie sonst noch diktiert worden sein mag, auch im Lichte der Geschichte ein glänzender Beweis opferfreudiger Treue, einer Treue, die auch nachher, im tiefsten Unglück, unter der Last von Acht und- Bann, nicht wankte und selbst im Tode die Probe bestand. Gerade diese Bewährung der Freundschaft hat dann Ernsts Thun überhaupt verklärt, so sehr man geneigt sein möchte, ihn in seinem Verhalten zu Ingelheim als eine Marionette seines ihm an Charakterstärke und That- kraft jedenfalls weit überlegenen Freundes zu betrachten. Letztere Auffassung war zweitellos die des Kaisers. Dreimal schon, zu Augsburg, zu Ulm und zu Aachen, hatte er dem Stiefsochn vergeben; trotzdem zettelte dieser wieder Unruhen an im Bunde mit dem Achter Werner, und gerade jet«t,