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1. Teil (1895)
Entstehung
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den psychologischen Gehalt, den Uhland seinem Trauerspiel gegeben hat, fand er in den Quellen schon angedeutet. Es ist aber zweifellos ein be- deutender psychologischer Vorgang, daſs in der nur nach Ruhe und Versöhnung begehrenden Seele des Helden unserer Tragödie, als sie sich vor die Entscheidung gestellt sah: entweder dem Kaiser gehorchen und damit Ehre, Frieden und Heimat gewinnen, oder dem Freunde treu bleiben und damit Acht und Bann auf sich nehmen: die Freundestreue triumphiert und den fast schon gebrochenen Mut Ernsts zu echtem Heldentum allmählich steigert. So ver- bindet sich mit dem im Wesentlichen historischen Inhalt unsers Stücks ein kaum minder be- deutender psychologischer Gehalt. Hieraus ist für den Schüler zugleich als Gewinn die Er- kenntnis abzuleiten, daſs jedes historische Trauerspiel zugleich auch der psychologischen Gattung angehören muss, weil die äufseren Kämpfe der Helden immer von seelischen Kämpfen veranlafst oder begleitet werden. Nehmen wir nun noch hinzu, was oben schon zum Teil ausgeführt worden ist, dafs Uhland, als er in Ernsts Persönlich- keit einen Typus der Treue verkörperte, in Werners Gestalt einen warmen Verteidiger von Recht und Freiheit hinstellte, endlich in Konrad den rücksichtslos, unter Umständen auch vor- handene Rechte miſsachtenden Herrscher zeichnete, zweifellos von den politischen Kämpfen in seiner engeren Heimat beeinfluſfst worden ist, so können wir sagen: unser Trauer- spiel ist seiner Gattung nach ein historisches Drama mit be deutendem psychologischem Gehalt und mit zeitgeschichtlicher Färbung.