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Herzogtümer und andere bedeutende Würden auf Glieder ihres Hauses übertrugen oder durch Vermählungen an dieses knüpften. Hierin lag aber auch der Keim der Eifersucht und Zwietracht unter den nächsten Verwandten selbst, die sich auf solche Weise in verschiedenem Trachten, nach gesammelter Herrschermacht von Seiten des Königs, nach Unabhängigkeit und Eigengewalt von Seiten der Fürsten, gegenübertraten. Statt dals die Provinzen dem Könige enger verbunden wurden, indem sein Sohn oder Eidam, sein Bruder oder Schwager über sie gesetzt war, wurden vielmehr diese seine Angehörigen ihm durch ihre Stellung nicht minder entfremdet, als es frühere, verdrängte Fürsten- geschlechter gewesen waren. Eine weitere Quelle des Familienzwistes ergab sich in der Unbe-— stimmtheit des Erbfolgerechtes, das hier mit dem Wahlrechte, dort mit der jezeitlichen Macht des Stärkeren in Wage stand.... Sang und Sage, die Organe der Volksstimmung, muſsten von diesen mannigfachen Bewegungen und Verwicklungen um so lebhafter angeregt werden, als es überall auch mächtige Persönlichkeiten waren, die auf dieser tragischen Weltbühne auftraten. Die herr- schende Gewalt ist, zu verschiedenen Zeiten, bald mehr in die Idee, bald mehr in die Person gelegt. Im deutschen Mittelalter war letzteres der Fall. Diese Zeit verlangte einen König von Mark und Bein, von sichtbarer, hoher Gestalt, dem der Geist aus den Augen leuchtete. Darum war Deutschland ein Wahlreich; zwar vererbte sich die oberste Gewalt meist langehin in demselben Stamme, aber ein solches Königsgeschlecht war selbst eine Persönlichkeit; konnte diese nicht mehr genügen, sotrat, vermöge des Wahlrechts, ein anderes anseine Stelle. So kam es denn, dafs wir in den Kaiserhäusern des Mittelalters überall auf hervorstechende, im Guten und im Bösen kräftige Persönlichkeiten treffen...«
Kein Zweifel, dals der Dichter von dieser Geschichtsauffassung aus in unserem Dramadie Bestrebungen Konrads, Ernsts und Werners charakte- risierte. Die eigentliche Quelle aber, die ihm den Stoff und die Anregung zu seiner Dichtung gab, war Wipo, das Leben Kaiser Konrads II.(vgl. Geschichtsschreiber der deutschen Vorzeit, Leipzig, Dyk'sche Buchhandlung, Bd. 41, 2. Aufl., von Pflüger-Wattenbach). Wir lassen die wichtigsten Stellen aus dieser als Geschichtsquelle hochgeschätzten: Biographie folgen, soweit sie für unseren Zweck, des Dichters Verhältnis. zu seinem Stoff zu erörtern, von Wert sind. Wipo schreibt:
Wenn ich über öffentliche Handlungen zu sprechen im Begriff bin, so werde ich vorzüglich die Thaten zweier Könige zusammenfassen, nämlich die des Kaisers Konrad und die seines Sohnes, des Königs Hein- rich III. Des Vaters Thaten aber, die ich erlebt habe, will ich, so wie ich sie selbst gesehen oder von anderen vernommen habe, mit der Kunst des Griffels der unkundigen Nach- welt darstellen.— Nunmehr komme ich zu den Thaten des Kaisers; vorher jedoch will ich erst einiges über die Wahl desselben erzählen, wie glücklich sie war, damit ich dann um so überzeugender zu schreiben imstande bin, nachdem ich zuvor noch erwähnt haben werde, welche Bischöfe und sonstige Fürsten in damaliger Zeit des Reiches Schirm waren.—(1) Nach des Kaisers[HeinrichsII] Hingange(13. Juli 1024) fing der Staat wie durch den Verlust eines Vaters verwaist in kurzem zu wanken an. Daher hatte jeder Gutgesinnte Angst und Sorge, die Schlechtesten aber wünschten die Zerrüttung des Reiches. Denn da der Kaiser kinder- los gestorben war, strebten die weltlichen Fürsten, je mächtiger sie waren, mehr mit Gewalt als mit Weisheit danach, entweder der erste zu werden oder unter irgend welcher Bedingung nach dem ersten der nächste. Infolge hiervon kam Zwietracht fast in das ganze Reich, so sehr, dals an sehr vielen Orten es zu Mord, Brand und Raub gekommen wäre, wenn nicht jene heftige Bewegung durch das Dazwischentreten erlauchter Männer verhindert wäre.— Damals hatte den Mainzer Bischofssitz Aribo, ein Noriker, inne, ein edler und weiser und für den Rat des Königs tüchtiger Mann; den Kölnischen Bischofsstuhl behauptete Pilegrin, ein Verwandter des Erzbischofs Aribo, einsichtig und geschickt zu solchem Amte; auch das Erzbistum Trier verwaltete Popo. der Bruder des Herzogs Ernst[I.]), ein frommer und bescheidener Mann, der damals seines Bruders Sohn, den Herzog Ernst, mit dem Alamannischen Herzogtum in Vormundschaft hatte.— Die Herzöge aber, welche gleich- zeitig lebten, waren: Bruno, Herzog von Sachsen; Adalbero, Herzog von Istrien; Hezilo, Herzog von Baiern; Ernst, Herzog von Alamannien; der Lothringer Herzog Friedrich; der Ripuarier Herzog Gozelo; Kuno von
¹ Uber den Wert dieser Biographie als Geschichtsquelle vgl. unten p. 15 Anm. 1.


