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1. Teil (1895)
Entstehung
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ihr gemeinsamer Tod, wie die Geschichte sie beurkundet, bieten dem Gemüte viel Er- greifendes dar«. Ebendort erklärt er, jenes»grofsartige Beispiel der Freundes- treue bis in den Tod« sei dichterisch bedeutender und tragischer als die Stellung Giselas zwischen dem Gemahl und dem unglücklichen Sohn. In Ernst erblickt er eine»sittlich-tragische Erscheinung« und in dessen Ende eine»tragische Ka- tastrophe«z.

Zusammenfassung. Die Tragödie ist entstanden i. J. 1816/17. Auf den Stoff wurde der Dichter hingeführt durch seine Vorliebe für die Beschäfligung mit der deutschen Ver- gangenheit, durch die Verfassungskämpfe in seinem Vaterlande, die ihn zu eingehenderem Studium der schwäbischen Geschichte brachte, durch seine politische Stellungnahme, die ein Resultat seines unbeugsamen Rechtssinns und seiner Begeisterung für seine Heimat, für Frei- heit und Recht war gegenüber despotischer Willkür in der Beseitigung historisch gewordener Volksrechte, endlich durch die Überzeugung, dals Ernsts Schicksal in hervorragender Weise tragisch und geeignet sei, die Treue bis in den Tod zu verherrlichen.

2. Gattung. Das Drama kennzeichnet sich sofort als ein historisches. Uhland selbst giebt in der obenerwähnten Rede»über die Sage vom Herzog Ernst«(Gesammelte Werke in 6 Bänden, Cotta, V p. 169) eine Darstellung der in Betracht kommenden Ereignisse in fol- gender Weise:

Ein anderes Geschlecht deutscher Könige stieg herauf, das fränkische oder salische. An der Spitze desselben stand Konrad II. Fest und rastlos wirkte auch er darauf hin, die Macht seines Hauses und damit seine Herrschergewalt zu mehren und zu stärken. Er war vermählt mit Gisela, der Witwe des Herzogs Ernst von Schwaben, die als die ausgezeichnetste Frau ihrer Zeit gepriesen wird. Sie hatte aus erster Ehe einen Sohn, der gleich seinem Vater Ernst hieſs und dessen Nachfolger im Herzogtum Schwaben war. Um die Erbfolge im Königreich Burgund entzweite sich der junge Fürst mit seinem mächtigen Stiefvater. Er griff zu den Waffen, aber bald in diesem ungleichen Kampfe von seinen Vasallen verlassen, mufste er sich unbedingt dem Kaiser ergeben und wurde von diesem auf dem Felsschlosse Gibichenstein eingekerkert. Einzig Graf Werner von Kiburg war ihm treu geblieben, verteidigte drei Monate lang seine Veste Kiburg gegen den Kaiser und irrte, als solche nicht länger zu halten war, geächtet umher. Auf Fürsprache seiner Mutter Gisela wurde Ernst, nach zweijähriger Gefangenschaft, wieder freigelassen. Er sollte zuerst das Herzogtum Baiern erhalten, nachher aber in sein Herzogtum Schwaben wieder eingesetzt werden, jedoch unter der Bedingung, dals er schwöre, Werner, den Anstifter der Unrüuhen, wenn dieser sich in seinem Gebiete betreten lieſse, festzunehmen und auszuliefern. Ernst aber wollte lieber auf das Herzogtum verzichten, als den Freund verraten. Ihn schreckte nicht, dafs Reichsacht und Kirchenbann über ihn ausgesprochen wurde. Mit Wernern und einigen anderen begab er sich zuerst nach Frankreich, um bei dem Grafen Odo von Champagne, seinem Verwandten, Beistand zu finden. Als aber dieser Versuch vergeblich war, setzte er sich mit seinen Gefährten, in der Wildnis des Schwarzwalds, auf die Burg Falkenstein, deren Trümmer noch in der Gegend von Wolfach zu sehen sind. Dort aufgesucht und gedrängt, fiel er in verzweiflungsvollem Kampfe gegen die Übermacht zugleich mit Wernern und Vielen der Seinigen. Dies ereignete sich im Jahre 1030⸗.

Interessant für das Verständnis unserer Dichtung ist auch Uhlands Urteil über den Charakter des deutschen Königtums im 10. und 11. Jahrhundert und über die auf Verstärkung ihrer Hausmacht und Herrschergewalt gerich- tete Politik der sächsischen und fränkischen Kaiser, deren Bestrebungen er als gleichartige auffaſst und in den Hauptzügen folgendermalsen(vgl. a. a. O. p. 158) schildert:

Die deutschen Könige waren, um die Macht ihres Hauses und die Kraft ihrer Herrschaft zu heben, unablässig darauf bedacht, sich zugleich der Gewalt, welche die hohen Reichsämter darboten, zu versichern. Mittel zu diesem Zwecke suchten sie vornehmlich darin, dals sie die