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1. Teil (1895)
Entstehung
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mit biographisch-litterarhistorischer Einleitung von II. Fischer, Ip. 9 ff., u. W. Scherer, Geschichte der deutschen Litteratur, 3. Aufl., p. 632 und 639.) Seine erste Stellung im Staats- dienst erhielt Uhland i. J. 1812 als Sekretär bei dem Justizministerium. Er hatte die Aufgabe, die Entscheidungen der Gerichte zum Vortrag an den König Friedrich zu bearbeiten und fand dabei häufig Gelegenheit, den herrischen, despotischen Sinn dieses Fürsten kennen zu lernen. Des Dichters Sinn für Recht und Freiheit wurde oft verletzt, aber gleichzeitig auch gestärkt. Bald verliefs er diese Stellung wieder¹, von der er später sagte, in ihr sei»seine UÜberzeugung, wie notwendig feste Rechts- normen und die Herstellung der ständischen Verfassung für sein Heimatland seien, durch die Einsichten und Erfahrungen, die er dort ge- wonnen, geweckt und befestigt worden«. Uhland übernahm eine Advokatur in Stuttgart(1814) und wandte sich, soweit»die Advokatengeschäfte«, wie er zu sagen pflegte. ihm Zeit lielsen, wieder seiner Lieblingsbeschäftigung mit der Dichtkunst und der Litteratur des Mittelalters mehr zu. Auch die politischen Zeitumstände erregten seine ganze Teilnahme. Kurfürst Friedrich hatte i. J. 1805 die alte ständische Verfassung Württembergs kassiert und von 1806 an als König herrisch und willkürlich regiert. Bei den Verhandlungen über die Neugestaltungen Deutschlands auf dem Wiener Kongrels(1814) wurde den einzelnen Staaten, die den deutschen Bund bilden sollten, die Einführung ständischer Ver- fassungen auferlegt. König Friedrich legte 1815 den Landständen einen Verfassungs- entwurf vor, der freilich die wesentlichen Grundzüge konstitutionellen Regiments freie Be- ratung der Stände und Mitwirkung bei der Gesetzgebung und Besteuerung enthielt, aber trotzdem auf den Widerstand der Altwürttemberger stiels, die die Herstellung der alten ständischen Verfassung als eines Rechtsbodens, der durch des Königs Willkür zerstört worden war, forderten. Zu den Gegnern der neuen Verfassung gehörte Uhland. Hierüber schreibt dessen Witwe(Uhlands Leben S. 106 f.):»Die Beschäfti- gung auf dem Justizministerium hatte auf Uhland die Wirkung gehabt, dals er die groſsen Mifsstände, die das unumschränkte Regiment des Königs für das Land brachte, noch deut- licher erkannte. Er begrülſste daher den Umschwung der Zeit, die Versprechungen, die auf dem Wiener Kongress dem deutschen Volk gemacht wurden, mit Hoffnungen auch für die württembergischen Zustände, und sein Umgang mit anderen Männern von der gleichen Ge- sinnung führte ihn immer tiefer in die politischen Fragen hinein. Mit allem Feuer seiner

¹ Uhland schreibt selbst am 10. Mai 1814 an seine Mutter, dafs durch ein längeres Beharren in seinen bisherigen Verhältnissen sein Inneres von Tag zu Tag mehr gelitten und er, je mehr er etwa äulserlich vor- geschritten wäre, um so mehr an Seelenruhe und innerer Selbständigkeit verloren hätte. Gerade in der Zeit, wo er mit dem»Herzog Ernst- beschäftigt war, lagen seine Eltern ihm wiederholt und dringend an, doch nach einer anderen Stellung im Staatsdienst sich umzuthun; aber alle Bitten wies er stets mit der einen Motivierung ab, dals er vor Herstellung eines Rechtszustands im Lande auf jede Stelle verzichten müsse, die mit der Verpflichtung auf den Namen eines Königs verbunden wäre, der des württembergischen Volkes Recht und Freiheit so schnöde mifsachtet habe. In seinen Briefen giebt er wiederholt dem Gedanken Aus- druck, dals er, um seinen Grundsätzen treu zu pleiben, gerne alle Opfer und Entbehrungen in materieller und geistiger Hinsicht auf sich genommen, so schwer sie ihn auch drückten. Wenn er daher Werner einmal sagen läfst(vgl. v. 1537 ff.):»Der Dienst der Freiheit ist ein strenger Dienst: Er trägt nicht Gold, er trägt nicht Fürstengunst, Er bringt Verbannung, Hunger, Schmach und Tod. Und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst; Ihm hab' auch ich mein Leben angelobt, Er hat mich viel gemühet, nie gereut«: so klingt das fast wie eine Enthüllung seiner eigenen innersten Gedanken, wie sie in ihm infolge persönlicher Erfahrungen in jener Zeit entstanden und sein Thun beherrschten.

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