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1. Teil (1895)
Entstehung
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edle Persönlichkeit ihm sympathisch geworden ist und andrerseits die Bewährung der Freundes- treue in Not und Tod das jugendliche Gemüt ganz zu ergreifen vermag. Die Wirkung eines so tragischen Geschickes auf sein Empfinden, der Begriff eines solchen tragischen Helden ist sonach ohne Schwierigkeit klar zu machen.

Die Einfachheit im Aufbau der Handlung lälst das Drama besonders geeignet erscheinen, um an ihm die Grundbegriffe aus der Technik der dramatischen Kunst zu erlernen. Wenn die epische Lektüre der Klasse(Cid, Homer) häufig Veranlassung geboten hat, das Wesen der epischen Darstellung und Handlung zu erläutern. so läfst sich gerade an unserem Drama mit seinen zahlreichen epischen Partieen in besonders wirksamer Weise der Unterschied zwischen epischer und dramatischer Handlung nachweisen:. Hinter dem Schüler liegt die in den Tertien gelieferte Betrachtung der deutschen Geschichte. Es bedarf also bei unserem Drama nur einfacher Mittel, den Schüler mit der Zeit und den sie bewegenden Fragen, soweit deren Kenntnis zum Verständnis der Handlung erforderlich ist, in Beziehung zu setzen und seine historische Erkenntnis zu vertiefen, indem man ihn die vom Dichter gegebene Darstellung von Personen und Ereignissen an dem Malsstab seiner geschicht- lichen Kenntnisse beurteilen lehrt.

In methodischer Hinsicht gilt es die vortrefflichen, und grolser Anerkennung sich erfreuenden Ausführungen von H. Schiller(Handbuch der praktischen Pädagogik, 1. Aufl. 1886, p. 228 u. 297 ff., 3. Aufl. 1894, p. 342 u. 352 ff.) und O. Frick(Wegweiser durch die deutschen Schuldramen, 5. Band des Werks»Aus deutschen Lesebüchern«, 1889, p. 5 ff.) für die Behandlung des»Herzog Ernst⸗ in umfassenderer Weise zu verwerten, als dies bisher von den Herausgebern geschehen ist. Hierin erblickte Ver- fasser ausreichende Begründung für die Berechtigung seiner Arbeit Die Ziele, welche bei der Lektüre des ersten Dramas im Gymnasium zu verfolgen sind, hat Schiller a. a. O. gerade an unserer Dichtung in Kürze bezeichnet. Ein äulserst lehrreiches Beispielfür eine grundlegende propädeutische Einführung in das Wesen des Dramas, sowie des Tragischen hat Frick in seiner Besprechung des Lessingschen Philotas a. a. O. p. 17ff. geliefert. Nach den von beiden Schulmännern gegebenen Anregungen und Ausführungen, ein Beispiel zu geben für die Methode, wie das Uhland- sche Trauerspiel als dramatische Anfangslektüre im Gymnasium ver- wendet werden kann, betrachtet Verfasser als Hauptaufgabe seiner Darlegungen.

I. Zur vorbereitenden Vorbesprechung.

Es empfielt sich etwa 3 bis 4 Wochen vor Beginn der eigentlichen Behandlung unseres Dramas die Aufgabe zu stellen, daſs bis dahin ein zweimaliges Lesen erfolgt und der Inhalt

¹ vgl. Schiller a. a. O. p. 342.

* Verf. ist selbstverständlich nicht der Meinung, dals man dem Schüler eine vorbereitende Vorbesprechung von solcher Ausführlichkeit geben solle; er wollte nur das Material insoweit vollständig geben, dals der Lehrer im Stande ist, das wirklich Wichtige zu erkennen und auszuwählen.

² vgl. darüber Schiller a. a. O. p. 353.