3
Idee motiviert, beherrscht und geadelt sein läfst, und wie er hieraus das Recht nimmt, den in den Quellen vorhandenen Stoff zwar nicht in schroffen Gegensatz zur historischen Wahr- heit zu bringen, aber immerhin mit einer gewissen Freiheit umzugestalten im Interesse der inneren Wahrscheinlichkeit und Folgerichtigkeit der Handlung und der Sicherstellung ihrer rührenden, erschütternden und läuternden Wirkung.— Des Weiteren wird man Crohns Be- streben sicher billigen, alle Erörterungen über Technik des Dramas und Wesen der Tragödie einfach und elementar zu halten; allein das darf doch nicht geschehen auf Kosten der sach- lichen Klarheit und Richtigkeit. Seine Definition von dem Wesen des Tragischen(p. 93, Anm.) dürfte schwerlich auf Zustimmung stolsen. Denn mit einem Menschen, der- unverdient leidet, wird man kaum das Mitleid empfinden, welches der tragische Held erwecken soll; vielmehr muſs das Gefühl der Entrüstung über ungerechtes Walten des Schicksals so sehr das Empfinden des Zuschauers beherrschen, dals das Mitleid gewils nicht zur rechten Entfaltung gelangen kann i.— Im Jahre 1893 erschien dann noch die Ausgabe von Stötzner (Leipzig, Richard Richter), der im Jahre 1894 die von Bauer(Bamberg, Buchner) und 1895 die von Richter(Bielefeld-Leipzig, Velhagen& Klasing) folgte. Alle drei berücksichtigen zu wenig gerade den Gesichtspunkt, der für unsere Ausführungen malsgebend sein soll: nämlich die Verwendung des»Herzog Ernst« als dramatische Anfangslektüre. Stötzner und Bauer lassen insbesondere zu sehr gerade die Verwertung des Stückes zur Belehrung der Schüler über die Elemente der tragischen Kunst vermissen. Mit Stötzners Auffassung von dem Charakter Konrads, die der Düntzerschen nachgebildet zu sein scheint, wonach man in dessen Verfahren nur die listige, tückische Absicht zu erblicken hat, Ernst ins Unrecht zu setzen und zu ver- derben, kann ich mich nicht einverstanden erklären. Auch Richter ist dieser Auffassung schon entgegengetreten(p. XII); und in der That hindert nichts in der von Uhland gegebenen Charakteristik Konrads dem Urteile K. W. Nitzschs(Geschichte des deutschen Volks, Bd. II, Aufl. 2, p. 20) über die Persönlichkeit dieses Kaisers beizutreten, wo die Bemerkung eines französischen Beobachters(M. G. Scr. VlII, p. 66) zurückgewiesen wird, dals man in ihm einen»Mann von geistiger Kühnheit, gewaltiger Leibeskraft, aber wankelmütiger Treue«, eine »Herkules- und Ulixesnatur« zu erblicken habe. Richters Darlegungen in der Einleitung sind gut; von ihm scheidet uns weniger die Auffassung des Uhlandschen Trauerspiels rücksichtlich seéiner Verwendung im dramatischen Anfangsunterricht, als die Methode der Behandlung.
Die didaktische Berechtigung, gerade unsere Dichtung an den Anfang der dramatischen Lektüre im Gymnasium zu setzen, beruht zunächst darauf, daſs sie vortrefflich geeignet ist, den Begriff des Tragischen in einer einfachen Ausgestaltung dem Schüler zu vermitteln. Weshalb der Held im Konflikt zwischen der Freundestreue und dem Gehorsam gegenüber dem Kaiser, den ihm sein Verhältnis zu diesem als Stiefsochn und Vasall um so dringender zur Pflicht macht, als er, der frühere Empörer, durch des Kaisers Gnade wieder mit dem Herzogtum Schwaben belehnt worden ist, lieber in irrtümlicher Auf- fassung der Freundespflicht beharrt und dem, wie er meint, bewährten Freunde die Treue hält, wird auch der Fassungskraft des Sekundaners sofort aus dem Charakter Ernsts ohne besonders schwierige psychologische Erörterungen verständlich. Nicht minder leicht begreift er die Schuld Ernsts, die dessen Entscheidung für den Freund involviert; er wird weiter von der ergreifenden Sühnung dieser Schuld um so gewisser erschüttert, je mehr einerseits Ernsts
1¹ cf. Schiller a. a O. p. 355.


