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nehmen, dass sie keine, nur auf das Spiel des Witzes, sondern mehr auf den Verstand als das Gedächtnis abaielende Fragstücke den Schülern zu beantworten geben. Das Lokalgedächtnis wird sowohl durch die beständig vor Augen liegende Tabellen, als auch deren nach dem Verhältnisse der grossen Tabelle, in das Kleine zu bringenden Abschriften, immer erfrischt und gestärket. Das Bild präget sich dadurch dem Gedächtnisse so lebhaft ein, als wenn es immer vor den Augen schwebte. Diess sind nun die Hauptmittel einer, auf die Eigenschaften der menschlichen Seele, gebauten Methode, der Jugend die weltlichen Erkennt- nisse mit Gründlichkeit einzuflössen..
8. Di, Fehnl.§ 66. Nach der vorausgesetzten Weise, die Wissenschaften zu erlernen, kömmt die Schul-
zucht(§ 66—75)... zucht, und der damit verbundene Punkt der Strafen und Belohnungen insbesondere zu betrachten.
§ 67. Ueberhaupt liegt den Schullehrern ob, fleilsig aufzusehen, damit a) von den Kindern die vorgeschriebene Schulzeit genau eingehalten, und kein Schultag unter verschiedenen Vor- wänden ausgelassen werde; b) die Schuljugend, währender Lehrzeit, zur Aufmerksamkeit anzu- treiben, und, zu diesem Ende, einen um den andern, jedoch ohne Ordnung, über das, so in der Schule gehandelt wird, unvermuthet zu befragen; c) auch auf den Fleils der Schüler aulser der Schulzeit, durch die in den nächstfolgenden Schulstunden anzustellenden Prüfungen wohl zu merken; d) auf deren Sitten genau bedacht zu seyn, und sie zur Höflichkeit sowohl unter sich selbst, als auf den Straſsen oder in Gesellschaften, gegen jedermann anzuweisen.
§ 68. Der Ungehorsam und die Gewaltthätigkeit können bei Kindern sowohl. als künftigen Bürgern, durch nichts wirksamer verhütet werden, als durch Angewönung der. Höf- lichkeit. Die Geschichte beweiset, dass in dem groſsen Kaiserthume China kein Vergehen seltener sey; als die Vergessung des Respektes eines Untergebenen gegen seinen Vorgesetzten, oder gewaltthätige Milshandlungen zwischen den Untergebenen selbst; und diess aus keinem andern Grunde, als weil die wechselseitige Höflichkeit unter den Chinesern gleichsam wie ein gesetzliches Ceremoniäl beobachtet wird. Es ist dieses das einfachste und natürlichste Mittel, die Kinder von jenem rohen, widerspänstigen und gewaltthätigen Wesen abzuhalten, welches unter uns gesitteten Völkern, so viele Wilde und Barbaren karakterisiret, welches die Wurzel jener dem gesellschaftlichen Endzwecke so sehr widerstrebenden Neigung zu Gewaltthätig- keiten und Selbstrache ist, deren beide die bürgerlichen Gerichte am meisten beunruhigen und im gemeinen Leben so viel Unheil anrichten.
§ 69. Es wird die Höflichkeit bei Kindern niemal zur Gewonheit werden, wenn sie solche nicht immer in Beispielen vor Augen haben. Es ist also nothwendig, dass die Lehrer selbst ihren Unterricht mit einer gewissen Bescheidenheit vortragen; ihre Erinnerungen zwar mit einem gesetzten Ernste, aber mit keinen anstölsigen und groben Ausdrücken begleiten, und sogar ihre schärfsten Verweise mit keinen pöbelhaften Schimpfwörtern verbinden. Ist der Schüler unachtsam: so nenne man ihn, was er ist: einen unachtsamen Knaben, zeige ihm die traurigen Folgen seiner Unachtsamkeit, und unter diesen, die Verachtung, die ihm der selbstverursachte Mangel seiner Erkenntnisse sowohl gegenwürtig, in seinen Schuljahren, als auch nachhin, bei reiferm Alter, zuziehen wird. Ist er faul: so werfe man ihm seine Faulheit vor, ohne ihn dabei mit andern Namen, als wenn dieser nicht schon schimpflich genug würe, zu beschimpfen; und so von jedem Kinder-Vergehen zu sprechen. Die meisten Schimpfwörter und thätige Grobheiten gewönt sich die Jugend gemeiniglich von ihren Eltern oder Schullehrern an, und weis sich dann unmöglich zu enthalten, sie nicht auch anderen ihresgleichen, und sogar auch vorgesetzten Personen, ungescheut mitzutheilen. Wird das Kind hiewegen gezüchtiget; so leidet es unschuldig. Nil dictu foedum— haec limina tangat, intra quae puer est, spricht Juvenal.


