Druckschrift 
1 (1897)
Entstehung
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(Beilage zum Programm des Grossherzoglichen Gymnasiums zu Giessen 1896/97.

loh. los. Friedr. SteigenteschsAbhandlung von Verbesserung des Unterrichtes der Jugend in den Kurfürstlich. Mainzischen Staaten 1771.

Herausgegeben uud mit einer Einleitung versehen

vom prov. Gymnasiallehrer Lehramtsassessor Dr. August Messer. I. Peil.

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3 A 807. 813

Einleitung: Man pflegt das vorige Jahrhundert als dasphilosophische zu bezeichnen. Zweifellos hat auch die Philosophie in dem geistigen Leben jenes Zeitalters einen breiten Raum eingenommen. Viele haben damals in ihr das wertvollste Gut gefunden, das sie überhaupt zu bieten vermag und wonach eine tiefe Sehnsucht die Menschenbrust durchzieht: eine ge- schlossene Weltanschauung. Denn die kirchliche gläubig hinzunehmen, war man vielfach, zumal in den höheren socialen Schichten, nicht mehr gewillt, zum mindesten suchte man das Christentum in seinerVernünftigkeit zu erfassen.

Es entsprach diesem Zuge der Zeit, dass die Philosophen selbst die rein theoretisch-meta- physischen Speculationen als unnütze Grübeleien lieber zur Seite legten und nachbrauchbaren und beruhigenden Resultaten forschten. Der Mensch und was sich unmittelbar auf sein Glück bezieht die Beschaffenheit seines Innern, seine Pflichten, die Unsterblichkeit der Seele, das Dasein Gottes wird der ausschlielsliche Gegenstand des Nachdenkens.¹) Und gar rasch glaubte man häufig am Ziel zu sein: für die sogenanntenPopularphilosophen, einen Mendels- sohn, Engel, Feder, Garve, Nicolai u. a. ist es geradezu charakteristisch, dass sie nicht sowohl die Wahrheit suchen, sondern sie zu besitzen glauben und nur verbreiten wollen.²) Und gleich ihnen sind viele andere bestrebt, das Publikum über alles und jedes im Menschenleben zu belehren; überaus zahlreiche, moralisierende Zeitschriften dienen diesem Zwecke.

So zeigt sich freilich vielfach die Aufklärung alsKlärung dessen, was obenauf liegt) aber man darf dabei doch nicht übersehen, wie mit diesem Bemühen, Licht in die Köpfe zu bringen, ein überaus reges Streben, die Menschen zu beglücken verbunden ist, ein Streben, das sich oft mit einer rührenden Treuherzigkeit und Naivetät zum Ausdruck bringt. Eben mit der Aufhellung des geistigen Horizonts, der Beseitigung gedankenloser Tradition, desSchlen- drians auf allen möglichen Gebieten, mit der energischen Mahnung zum vernünftigen Denken glaubte man das Wichtigste zu thun, um dieGlückseligkeit der Menschen zu befördern, und dieser Glaube war gerade die stärkste Triebfeder jenes aufklärerischen Thuns.

Es ist begreiflich, dass in einer solchen Zeit(wie überhaupt in Perioden tieftgehenden Wandels in der Lebensauffassung) das Interesse sich insbesondere der Jugendbildung zu- wandte, zumal gerade auf diesem Gebiet die drückendsten Miſsstände sich fühlbar machten und das Schulwesen dringenden Zeitbedürfnissen augenscheinlich nicht mehr entsprach. Die Reform der Bildung und Erziehung in Haus und Schule beschäftigte damals die Geister wohl in ähn- lichem Grade wie heute die sociale Frage: dasphilosophische Jahrhundert ist zugleich ein Pädagogisches. ¹)

¹) R. Falkenberg, Gesch. d. n. Philosophie(1892) 247.*²) Nach Windelbands Bemerkung ebenda ²) O. Willmann, Didaktik 1(1894) 348.) A. a. O. 349.