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1 (1897)
Entstehung
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In den katholischen Territorien Deutschlands war dabei noch ein besonderer Umstand wirksam.Um die Mitte des vorigen Jahrhunderts ſinden wir überall die akatholischen Staaten im Vordringen und den katholischen überlegen: Preussen gegen Oesterreich und die Nieder- lande gegen Spanien und Frankreich. Dem militärischen, politischen und merkantilen Ueber- gewicht entsprach das litterarische und wissenschaftliche.)) Dessen war man sich auch katholiséherseits bewusst zumal bei den Regierenden und den ihnen nahestehenden Kreisen, ja man war hier leicht geneigt. den Gehalt der eignen traditionellen Theologie und Philosophie, schon um ihrer wenig ansprechenden Form willen, zu unterschätzen. Die Ursache des Zurück- pleibens aber fand man vor allem im Schulwesen: die Ueberlegenheit der Protestanten gerade auf diesem Gebiet wird vielfach als eine unzweifelhafte Thatsache und als Grund ihres sonstigen Uebergewichts hingestellt.6) So war es denn eine Art von Goncurrenzeifer, der in den katholischen Staaten die Schulreform in Fluss brachte. und die 1773 erfolgende Aufhebung der Gesellschaft Jesu, in deren Händen seither der gelehrte Unterricht fast ganz gelegen hatte, gab in besonderem Maſse Gelegenheit zu weitgreifenden Umgestaltungen. Diese Schuleinrichtungen sind demnach nicht spontan von unten her und mit einer gewissen Stätigkeit erwachsen, sondern sie wurden von den Regierungen befohlen in der bevormundenden Art desauf- geklärten Despotismus und oft mit einer gewissen Hast. Dass das Volk diesen Regierungs- mafsregeln nicht selten lebhafte Abneigung entgegenbrachte, hatte nicht nur seinen Grund in dem conservativen deutschen Sinn und in dem Widerwillen gegen neue Lasten: auch hier wirkte der confessionelle Gegensatz mit, aber nicht beschleunigend. sondern hemmend. In dem Fühlen und Denken der breiten Schichten des Volkes machte sich doch sehr die Thatsache bemerkbar, dass Katholiken und Protestanten in den einzelnen Territorien noch ziemlich scharf räumlich gesondert lebten. Je weniger nun die leitenden Kreise Anstand nahmen, ldeen und Einrichtungen von den Protestanten zu entlehnen, je mehr hier die confessionelle Verschiedenheit sich zu verwischen schien, um so mehr mochte sich gelegentlich in den katholischen Territorien selbst eine Kluft zwischen Regierenden und Regierten aufthun und das. was von oben in reinster Absicht angeordnet war, unten mit Milstrauen entgegengenommen werden; was sehr wohl erklärlich ist, da das Volk instinktiv empfand, durch die oben herrschen- den Strömungen sei sein Glaube in der von den Vätern überkommenen Gestaltung gefährdet. In der That wurde auch die bestimmt gezogene Grenze, die die dogmatische Feststellung der katholischen Lehre den Gläubigen vorzeichnet, bald überschritten: die Geschichte des Rationa- lismus in der damaligen katholischen Theologie beweist dies zur Genüge.)

Im Jahre 1763 war Emmerich Joseph. Freiherr von Breidbach zu Bürresheim auf den kurfürstlichen Stuhl von Mainz erhoben worden, ein Mann von grolser Herzensgüte und that- kräftiger Liebe für sein Volk. Ein bedeutender Geist war er freilich nicht, und so lag die Regierung hauptsächlich in den Händen seiner Räte, unter denen der Grolshofmeister Karl Friedrich, Freiherr von Groschlag und der Hofvicekanzler Anselm Franz, Freiherr von Bentzel- Sternau besonders hervorragten.*) Reformen an der kurmainzischen Universität Erfurt erfolgten 1769: Wieland wurde bei dieser Gelegenheit als Professor der Philosophie dorthin berufen.*)

) F. Paulsen, Gesch. d. gel. Unterr. II.*(1897) 99. ³) Ausführlich behandelt z. B diesen Punkt der um die Reform des bayerischen Schulwesens verdiente Joh. Ad. Freiherr v. Jekstatt in seinerAkad. Rede v. d. stufenmälsig. Einr. d. nied. u. höh. Landschulen.(Ingolstadt 1773) 6 20, Vgl. auch§ 3 unsererAbhandlung. ¹) H. Brück, d. rationalistischen Bestreb. im kath. Dtschl.(Mainz. 1869). ³) Vgl. über beide und Em. Jos. die betr. Artikel d. Allg. d. Biogr.) Vgl. B. Seuffert. Wielands Berufg. n. Weimar. Viert.-jahrsschr. f. Litt.-Gesch. I. 345 fl.