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1 (1897)
Entstehung
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§ 56. Die Seelen der Kinder, so, wie die Seelen der erwachsenen Menschen, wälen und verlangen nichts, als was sie sich als gut vorstellen. Im Gegentheile verabscheuen sie alle jenes, so die Gestalt eines Uebels und einer Belästigung in ihren Augen hat. Solange also die Schule das Bild einer Marter- und einer gehässigen Plage tragen wird: so lange wird der Schüler den Besuch derselben für ein wirkliches Unglück halten, und nur allein die Furcht für der Strafe wird ihn nöthigen an diesem Orte des Zwanges zu erscheinen. Und hieraus fliefset nun die erste Grundregel, dass der öffentliche Schulunterricht, so viel, als es immer möglich ist, angenehm und reizend gemacht, und von dem finstern Murren eines sich und der Welt überdrülsigen Lehrers befreiet werden muss.

§ 57. Die zwote Grundregel zur ächten Lehrweise hat die Ordnung der Natur nicht weniger zum Grunde. Das Gedächtnis soll nichts zu behalten lernen, was der Verstand nicht begriffen hat, damit jenes nicht beschweret werde, ohne diesen zu bereichern. So gut und nothwendig es ist, die Kräfte des Gedächtnisses zu üben: so unütz ist es dennoch, wenn es in Dingen geschieht, wovon der Verstand nichts begreifet. Verworrene oder schwankende Begriffe sind um ein gut Theil schlimmer als gar keine; sie gleichen dem Unkraute, welches den Platz guter Saamen einnimmt, und nur mit vieler Mühe ausgereutet werden kann. Die gegenwärtige Regel wird bei der Erlernung der Sprachen, wovon weiter unten die Rede folget, den besonderen Nutzen zeigen.

§ 58. Es bestehet also der dritte, aus dem vorhergehenden weesentlich folgende,

Grundsatz darinn, dass man sich bei der Unterweisung, aller derjenigen Mittel bedienen müsse, wodurch den Kindern. so viel nur immer, ohne ihre Plage, möxglich ist, ein anschauliches Erkenntnis von den Sachen beigebracht wird. Dieses bewirken, bei allen in die Sinne fallenden Gegenstände, die Modelle, Muster. Zeichnungen, Experimente, und andere der- gleichen Hilfsmittel, wodurch die Lehre gleichsam lebendig wird, und Verstand und Aug' zugleich unterrichtet werden. Da alle Begriffe durch die Sinne eingehen: so ist leicht zu erkennen, dass, je mehrere Sinne man an einer Sache empfinden lässt, desto mehrere Thüren dem Ver- stande geöffnet werden, durch welche die Wahrheit eindringen kann. Historische Gegenstände und moralische Handlungen werden daher am besten durch Bilder und Kupferstiche gelehret. Abstrakte Begriffe aber werden durch ihre Auflösung in diejenigen Empfindungen, Er- fahrungen oder Thaten, von denen sie abgezogen werden, den Sinnen erkläret; z. B. die Groſsmut durch Schilderung solcher Handlungen, welche man grofsmüti ge Handlungen nennt. Ueberhaupt aber werden alle Wissenschaften, von dem Kenntnisse der Buchstaben, bis zur Metaphysik, dem Schüler durch wohlverfasste Tabellen vor die Augen gehänget.

§ 59. Da die Jugend nichts gelehrt werden soll, was nicht brauchbar ist, und sie geschickter macht, die Bestimmung ihres Standes oder künftigen Berufes im Denke n, Reden, und Han deln desto besser zu erfüllen: so muss überall, so viel nur möglich, die wirkliche Ausübung mit der Theorie verbunden, und, wo solches nicht angeht, wenigstens die An- wendung des Allgemeinen auf das Besondere, und der praktische Nutzen der theoretischen Begriffe und Lehrsätze deutlich(nach den in der Seele der Kinder selbst gegründeten Erfah- rungen) durch Beispiele gewiesen werden.

§ 60. Das vierte Hauptmittel des Unterrichtes oder der Methode ist also, die Jugend, bei dem Unterweisen zugleich thätig zu machen, und in die Uebung zu versetzen. Dahin gehöret das Abschreiben der aufgehängten Wandtabellen, das Nachamen leichter Modelle und Maschinen, das Abzeichnen der Bilder, das Nachmachen der Experimente, die Uebungen auf, freiem Felde in den geometrischen Wissenschalten, u. a. m. 4