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ergab: ein Uebermaſs von Studierten und Halbstudierten. ¹³) Auch hier sollte die Errichtung der Realschulen und zugleich Beschränkungen in der Zulassung zum Gymnasium, wo allein Latein gelehrt werden sollte, Abhilfe gewähren. ¹⁴).
Wie es der volkswirtschaftliche, also ein socialer Gesichtspunkt ist, unter dem St. diese ganze Frage behandelt, so zeigt sich auch in andorer Beziehung, dass er den Menschen durchaus nicht als isoliertes Wesen, sondern in seiner gesellschaftlichen Gebunden- heit betrachtet: der Individualismus und sein Correlat, der Kosmopolitismus, die man mit gutem Grund als charakteristische Züge des 18. Jahrhunderts hervorgehoben hat⁵), kommen bei ihm gar nicht zur Geltung gegenüber seinem ausgeprägten staatlichen und nationalen Bewulstsein. Die Schule soll dazu dienen,„den Staatskörper zu einem wahren Ganzen zu verbinden“ und die Denkungsart der Einwohner, in gutem Sinne„einförmig“ zu machen, einen „Nationalcharakter“ zu begründen und— vor allem durch Einpflanzung der„Höflichkeit“’— das Regierungsgeschäft zu erleichtern. ¹⁰) Hinter der ausschliefslichen Berücksichtigung des Staates, in der die moderne und die antiken Auffassung sich begegnen, tritt die Rücksicht auf die Kirche ganz zurück: dass die Schule auch für sie Bedeutung habe, wird mit keiner Silbe berührt— und dabei handelt es sich um die Schulen eines geistlichen Staates! Das gesamte Schulwesen soll denn auch dem Staate überantwortet wer- den— ¹⁷) ganz im Einklang mit der allgemeinen geschichtlichen Tendenz nach Ausdehnung der Staatsthätigkeit, einer Tendenz, die im Socialismus ihrem Höhepunkt zustrebt.— Der
¹3) Schon der dem Kreise des Herzogs Ernst v. Gotha angehörende Veit Ludw. v. Seckendorff führt in seinem Christenstaat(1685) aus: die Menge der Gelehrten und Schreiber nütze wenig., sie hindere vielmehr die gemeine Wohlfart und Nahrung; gemeinen und arbeitsamen Volkes könne man nicht zu viel haben.(Schmid, a. a O IV 85). Denselben Gedanken finden wir in Frankreich(z. B. von Richelieu und Chalotais. A. a. O. IV. 441. 458) und in England(z. B. von Rich. Mulcaster 1587) ausgesprochen. Vel. Heyne a. a. 0. S. 13.:„Eben diese Menge von lateini- schen Schulen veranlasst, zu grolsem Theile den Zufluss von so vielen untauglichen Studierenden, die zum gröfsten Nachtheil für sie selbst, für den Staat, für den gelehrten Stand, und für die Gelehrsamkeit, den bürgerlichen Ständen entzogen werden“ u. s. w. Aehnlich Braun a. a. O. S. 10. ¹⁴) Vgl.„Abh.“§ 110 f. 154—58. Die dort vorgeschlagenen Bestimmungen zur Verhütung eines gelehrten Proletariats hat Bentzel sich in vollem Umfange angeeignet.(S. meine Schrilt„Ref. d. Schulw.“ etc. S. 112 f. Aehnlich Jckslatt, a. a. 0. S. 30.) ¹³⁵) Z. B. Willmann, a. a. O. 12 348.— Uebrigens wird auch Basedow, bei dem der kosmopolitische Zug sehr mächtig ist, gelegentlich der vaterländischen Auſgabe der Schule gerecht. Vgl. s. Ausführungen über Patriotismus im Methodenbuch IX. 14.(Ausgew. Schr. v. Göring, S. 193 f). Beides kann auch recht wohl neben einander bestehen— auch das Christentum giebt ja beidem die religiöse Weihe— zumal wenn in dem Kosmopolitismus lediglich die Erkenntnis sich ausdrücken will:„dass die Glückseligkeit aller auf dieser Erde lebenden Menschen ein Ganzes ausmacht, von welchem jeder Theil mit allen übrigen in den engesten Verhältnissen stehet... so dass Mifswachs oder Ueberfluls, zerrütteter oder freyer Handel in Asien und Afrika, in Amerika bis in die innersten Gegenden von Deutschland die wichtigsten Rinflüsse haben; dass der Irrtum eines chinesischen Ministers in allen Theilen von Europa empfindlich werden kann“.(So der Baseler Ratsschreiber Jsaac Jselin(1728— 82), der Förderer Basedows und Pestalozzis, in dem Einführungsaufsatz seiner „Ephemeriden der Menschheit“ Basel 1776).
¹6) Vgl.„Vorbericht“ 1. und§ 6. 12, 47 u. a; damit stimmt auch überein, dass ein Unterricht in den Unterthanenpflichten, eine Art„Bürgerkunde“, für alle Schulgattungen dringend empfohlen wird.— Auch in Wielands„goldenem Spiegel“(4. Teil, der überhaupt für die damalige Behandlung des Erziehungsproblems interessant ist) sieht Tifan, der„scheschianische Lykurgus“, in der Höflichkeit, eine„Vormauer der öffent- lichen Ruhe“. Sie ist„besonders für die geringern Klassen eine der notwendigsten politischen Tugenden.“ Diese„Höflichkeit“ ist allerdings einfacher als die, welche die Humanisten in ihren Traktaten de civilitate morum, und welche man im 18ten Jahrhundert in den Anleitungen,„zu einer galanten conduite“ lehrte. ¹¹) Dass diese Verstaatlichung des Unterrichtswesens sich mit einer gewissen Notwendigkeit aus dem Protestantismus ergab, ist bekannt. Beiläufig sei erwähnt, dass schon Ratichius erklärt hatte:„Die Erziehung der Jugend ist einig Und alleine der Politischen Obrigkeit, ohne Jemandes Eingriff zustendig“.(G. Vogt, Leben d. W. Rat. III. Progr. Kassel 1879. S. 13).


