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K. Archiv-Conservatorium in München eine„ebenso ausführliche als interessante Denkschrift über die Mainzer Schuleinrichtungen aufbewahrt werde, unter dem Titel: Entwurf zu den churmainzischen Trivial- Real- und Mittelschulen, nach welchem die 2 ersten Schulgattungen in der churfürstl. Residenzstadt Mainz seit einigen Monaten dieses 1773 ten Jahres wirklich eingerichtet sind'’. Er glaubte derselben„eine besondere Bedeutung für Jekstatts Reform- vorschläge beilegen zu sollen. Durch das dankenswerte Entgegenkommen des Kgl. bayerisch. allg. Reichsarchivs war es mir möglich festzustellen, dass diese Denkschrift eine Abschrift der „Abhandlung“ ist.
Diese selbst soll nunmehr kurz charakterisiert werden. Der 1te Abschnitt legt die Be- deutung und Aufgabe der Erziehung und des Unterrichts dar und entwickelt allgemeine päda- gogische und didaktische Grundsätze. Die 3 folgenden Abschnitte behandeln die 3 Schul- gattungen: 1) die Dorfschulen und Lese-(Trivial)schulen in den Städten 2) die Realschulen 3) die Mittelschulen(Gymnasium). Der Schlussabschnitt bespricht die„Erfordernisse zu der künftigen Einrichtung.“(Bessere Vorbildung und Besoldung der Lehrer, Schulbücher, Schulhauser, Schulaufsicht).
Die groſse Bedeutung des Erziehungs- und Unterrichtswesens für den Staat wird nach- drücklichst hervorgehoben. Dies war freilich, seitdem mit dem Humanismus eine reichere pädagogische Litteratur aufgekommen war, in dieser ein stehendes Thema. Aber man merkt doch den Wandel der Zeiten. Im 16ten Jahrhundert war der leitende Gesichtspunkt: durch die Schule tüchtige Beamte für Staat und Kkirche zu gewinnen. Jetzt erscheint diese Leistung der Schule als selbstverständlich; nur einmal(§ 93) wird sie beiläufig erwähnt. Eine weitere Aufgabe jedoch hat sich dazu gesellt. Je mehr die wirtschaftliche Entwickelung voranschritt, um so mehr machte sich das Bedürfnis geltend, für solche, die nicht studierten, aber auch nicht für die niedrigsten und einfachsten Verrichtungen im wirtschaftlichen Leben bestimmt waren, eine reichere Vorbildung zu finden, als sie die Volkschule, und ein ge- eignetere, als sie die Lateinschule bot. Die Regierungen selbst hatten das unmittelbarste Interesse, diesem Bedürfnis der Unterthanen entgegenzukommen, da durch Steigerung der wirt- schaftlichen Leistungsfähigkeit des Volkes auch dessen Steuerkraft wuchs. So dräugten die Zeitverhältnisse förmlich zur Errichtung einer Schulgattung, die für die Jugend des erwerbenden Mittelstandes geeignet war. ¹²) zumal da aus der seitherigen Schulorganisation, wo lediglich Lateinschule und Volksschule neben einander standen, ein anderer schwerer Mifsstand sich
¹2) Hecker bot hier mit seiner 1747 zu Berlin errichteten„ökonomisch-mathematischen Realschule“ ein stark und weithin wirkendes Vorbild. Die dort gebrauchten Lehrbücher hat man auch in Mainz gekannt. (Samml. 157); auch Felbiger hatte ja in Berlin Anregung zu seiner Reformthätigkeit empfangen. Sehr be- lehrend über die hier berührten Verhältnisse ist das Buch von F. G. Resewitz, die Erziehung des Bürgers (Kopenhagen 1773). Dass der Besuch der Lateinschulen nur für die künftigen Studierenden zweckmäfsig sei, war schon längst erkannt worden: z. B. von Locke(Vers. üb. Erz.§ 164) und Francke(K. A. Schmid, Gesch. d. Erz. IV. 299.), aber noch 1780 klagt Heyne(Nachr. v. d. gegw. Einr. d. K. Pädagogii z. Mfeld. S. 12).„Ein Hauptverderben des Schulwesens in verschiedenen Ländern ist, dass es so viele lateinische Schulen giebt..— dass dagegen die Zahl der nützlichen Bürgerschulen so gering ist.“— Es entspricht der überragenden Bedeutung des Adels am Ende des 16 ten und im 17ten Jahrh., dass damals besonders hervortritt, wie ihm die bestehende Schulorganisation nicht entsprach. Die Ritterakademien und die Hofmeisterziehung waren es, die dann seinem Bildungsideal des galant homme Rechnung trugen.


