Druckschrift 
Grundriß des badischen Landrechts : (mit Ausschluß des Obligationenrechts, LRS 1101 ff.) : unter besonderer Berücksichtigung der neueren deutschen Rechtsprechung für Studium und Praxis dargestellt / A. Platenius
Seite
11
Einzelbild herunterladen

§ 3. Die Rechtsquellen und ihre Auslegung.

thatſächlich, aber nicht rechtlich eine über den anhängigen Prozeß hinaus⸗ gehende Bedeutung.

II. Bis zum Inkrafttreten der Verfaſſung, dem 22. April 1819, übte in Baden der Landesherr allein die geſetzgebende Gewalt aus. Die bis zu dieſem Zeitpunkte vom Großherzog oder in deſſen Auftrag von Staatsbehörden erlaſſenen Edikte u. ſ. w. haben daher Geſetzeskraft.

Nach der badiſchen Verfaſſung vom 22. Aug. 1818, BB I S. 42 ff., iſt zum Erlaß eines Geſetzes die Zuſtimmung der beiden Kammern erforderlich, Verfaſſungsurkunde§ 65; dem Landesherrn bleibt das Recht der Verordnung zur Ausführung der Geſetze und der pro⸗ viſoriſchen Geſetzgebung im Dringlichkeitsfalle,§ 66. Die Reichs⸗ geſetze erfordern Uebereinſtimmung von Bundesrat und Reichstag: Reichsverfaſſung v. 16. April 1871 Art. 5, BB I S. 1 ff. Die Pro⸗ mulgation der badiſchen Geſetze erfolgt durch den Großherzog, bad. Verflirk.§ 66, die der Reichsgeſetze durch den Kaiſer, ReichsVerf. W

Die bekannte Streitfrage, ob der Richter das verfaſſungsmäßige Zuſtandekommen eines von der Regierung promulgierten Geſetzes prüfen darf und ſoll, wird für Baden meiſt im verneinenden Sinne ent⸗ ſchieden mit Rückſicht auf die Befugnis der Regierung zu Notverord⸗ nungen und auf die ausdrückliche Beſtimmung der Verfaſſung, daß die Kammern in dieſem Falle das Recht der Beſchwerde haben. Bad. VerfUrk.§8 66, 67.

III. Wie die meiſten neueren Geſetzbücher iſt der code civil ex⸗ kluſiver Natur. Das franzöſiſche Einführungsgeſetz vom 21. März 1804 ſetzt alle früheren Rechtsquellen außer Kraft, ſoweit ſie die im code civil geregelten Materien behandeln.

Im badiſchen Rechte iſt das frühere Recht ſchlechthin außer Kraft geſetzt, ſoweit es nicht ausdrücklich aufrecht erhalten wird. Doch bezieht ſich dieſe Beſtimmung nur auf das in den früheren Rechtsquellen enthaltene bürgerliche Recht. LRS 6, 1. EinfEd.§ 17, 2. EinfEd. § 3. Damit iſt auch dem römiſchen Rechte die Eigenſchaft als Rechtsquelle entzogen; es darf nur als wiſſenſchaftliches Hilfsmittel

2. Beh. I S. 34/35. ZDr I§ 23. ZCr I 8§ 23. Stabel, Inſt.§ 6, Vor⸗ träge 88 10, 11. Crome I 8§ 7.

3. Beh. I S. 28/29. Stabel, Vortr. S. 22.

4. So Stabel, Vortr. S. 23 ff. Mayer, Vortr. S. 35. AM Crome ſ S. 33 ff. Scherer, Rh. R. I S. 62. Vermittelnde Anſichten: Beh. I S. 29/30 und Stabel, Inſt.§ 7. Für das gemeine Recht: Windſcheid I§ 14 N. 2. Dernburg 1 8 25 N. 10. Das Reichsgericht hat durch Urteil vom 17. Febr. 1883 E. 9 S. 233 entſchieden, daß nach gemeinem Rechte der Richter nicht befugt ſei zu prüfen, ob ein Geſetz der Verfaſſung widerſpreche; dagegen im Urteil vom 28. März 1889 E. 24 S. 1 f. ein Prüfungsrecht des Richters in Bezug auf die Giltigkeit einer Bundespräſidialverordnung anerkannt.

bO