Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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Was macht der Knabe?

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lung zu Gunſten ſeines armen Opfers ſehr erbaut war.

O, er iſt gottlob ganz wohl auf! Er beginnt Ich ordnete jedoch eine Zuſammenkunft frühe am Tage

ſchon aufzumerken und will aufrecht ſitzen. Er will es in der Wellt noch zu etwas Rechtem

bringen, und er wird es auch ich bin deſſen gewiß.

Nachrichten für Sie!

Für mich günſtige Nachrichten? Sie damit meinen?

Ich habe den Vater Ihres Knaben ausfindig ge⸗ macht. Iſt das keine gute Neuigkeit?

Dieſe Nachricht kam ihr ſo unerwartet, daß ſie einige Minuten ganz ſprachlos war und mich ganz ver⸗ blüfft anſtarrte. Die oft getäuſchte Hoffnung hatte ihr Herz ganz krank gemacht. Endlich glänzten ihre Augen durch die Thränen hindurch; ſie verſuchte mehr⸗ mals zu ſprechen, konnte aber kein lautes Wort über die Lippen bringen.

Sie wollen mich zum Beſten haben, nicht wahr? ſtammelte ſie endlich.

Nein, wahrlich nicht; ich habe ihn gefunden und er ſchickt Ihnen dies hier! Damit drückte ich ihr den Sovereign in die Hand.

Ei, jetzt wird es mir doch wahrſcheinlicher! lächelte ſie unter Freudenthränen.Aber wie ſtellten Sie es nur an, um ihn ſo ſchnell zu ermitteln? Hab' ich ihn doch Wochen und Monate lang umſonſt geſucht.

Das iſt ja mein Handwerk, Kind. Jedermann ausfindig zu machen, den ich haben will.

Sie haben ihn alſo geſehen und geſprochen? Und was ſagte er?

Oh, nichts Beſonderes, er will Sie recht bald

Was können

ſehen.

Und verlangt er nicht auch ſein Kind zu ſehen dieſen lieben, bildhübſchen Knaben?

O ja, auch ihn will er ſehen, und für euch beide ſorgen.

Jenum, Frauenzimmerchen, ich habe einige gute

zwiſchen ihm und Maria an, bei welcher ich natürlich anweſend und mit einer in beſter gültigſter Form auf⸗ geſtellten Urkunde verſehen war, wodurch Mr. Roß ſich verpflichtete, Maria wöchentlich eine Guinee ſo

lange zu bezahlen, bis der Knabe das ſechszehnte Jahr

Ich weiß hatte.

Ich dachte mir immer, er würde das thun, ſo⸗

bald er es nur wüßte.

Jenun, theilen Sie jetzt Ihr Geld vernünftig ein, mein Kind; kaufen Sie ſich das Nothwendigſte für ſich und den Knaben, und wenn ihr Beide etwas beſſer ausſtaffirt ſeid und behaglicher und behäbiger ausſeht, werd' ich euch zu Robert führen. Suchen Sie mich alſo morgen Abend wieder hier auf kommt präcis neun Uhr!

Als ſie am andern Abend wieder kam, war mit ihrem Ausſehen und ihrer Lage eine ſichtliche Verände⸗ rung zum Beſſern vorgegangen. Ihr Geſicht war rein⸗ lich, ihr Haar ſorgſam gebürſtet und gekämmt und glänzte wie ein Rabenfittich.

Haben Sie eine Wohnung genommen? fragte ich ſie. Ja, ſagte ſie;ein behagliches kleines Stübchen;

telligenten Kindes.

ach, ich bin ganz glücklich; aber wann werde ich ihn

ſehen?

Das ſollen Sie morgen erfahren!

Ich hatte eine zweite Unterredung mit Herrn Roß. Ich kann nicht ſagen, daß ſein Benehmen gegen mich ſonderlich herzlich, oder daß er von meiner Vermitte⸗

Feierſtunden. 1863.

zurückgelegt haben würde, und worin er zugleich die Beſtreitung der Erziehungskoſten für den Knaben über⸗ nahm.

Die Begegnung des Verführers und der Verführ⸗ ten war ziemlich peinlich. Auf Herrn Roß's Seite war offenhar keine Spur von Liebe vorhanden; aber der armen Maria war das Herz ſo voll, ſo ſchwer. Sie erwartete wenigſtens einige Darlegungen von Zärt⸗ lichkeit von dem Vater ihres Kindes und war bereit, ihm an den Hals zu fliegen, wenn er ſeine Arme nach ihr ausgebreitet hätte; allein ſie ſollte hierüber bitter⸗ lich enttäuſcht werden. Ein kalter förmlicher Hände⸗ druck war Alles, wozu er ſich gegen ſie herabließ. Sie drückte ihren kleinen roſigen Mund an ſeine Wange, aber der kalte herzloſe Tropf drehte den Kopf bei Seite. Er küßte jedoch den Knaben und lobte ihn, und dies machte Maria ſo glücklich oder noch glücklicher, als wenn ſie ſelbſt dieſer Liebkoſungen gewürdigt worden wäre. Den Ring mußte ſie herausgeben, ſie that es gerade nicht mit Widerſtreben, aber ſie blickte ihm ſehn⸗ ſüchtig nach, als Mr. Roß ihn an den Finger geſteckt Er ſchenkte ihr zehn Sovereign's, um ſich da⸗ mit behaglich einzurichten, und hiemit endete die Unter⸗ redung, welche für Beide gleich peinlich und verſtim⸗ mend ſein mußte.

So oft ich in Geſchäften oder zu meinem Ver⸗ gnügen nach Millbank komme, begegne ich gewöhnlich Maria Morris, welche ihren kleinen Liebling ſpazieren führt. Sie hält ihn ſehr hübſch und reinlich, und er hat ganz das Ausſehen eines kräftigen, geſunden, in⸗ Auch ſie trägt ſich bei aller Ein⸗ fachheit ſehr reinlich und ſchmuck. Ihre ſchönen Augen glänzen heller als je, und ihr rundes friſches Geſicht blüht und glüht wie eine Roſe. Maria hat ſich auf die Porzellan-Maleret gelegt, wozu ſie wirklich große Anlagen hat, und verdient ſich ſo ziemlich den gan⸗ zen Unterhalt für ſich und den Knaben mit ihren Ar⸗ beiten in dieſem Gewerbe. Vorige Weihnachten be⸗

ſchenkte ſie mich mit einem halben Dutzend Deſſertteller,

auf welche ſie allerliebſte Blumenboquets gemalt hat. Ihre Arbeiten ſind natürlich keine hervorragenden Kunſt⸗ werke, aber doch Mittelgut, und werden von den Ladenbeſitzern gern gekauft. Sie iſt fleißig, nüchtern, ſparſam und führt einen tadellos ſittlichen Wandel. Fürwahr, wenn irgend ein rechtſchaffener, nüchterner, fleißiger, gutartiger Handwerker oder Arbeiter ſich nach einer häuslichen, liebreichen, gutmüthigen, rührigen und

ſparſamen Hausfrau umſähe, der könnte kaum etwas

Klügeres thun, als mit Maria Freud und Leid der Zukunft zu theilen. Otfrid Mylius.