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Die Zigeuner in Angarn.
(Taf. 13.)
Amerika hinüber alſo kamen ſie nicht, der ſchmale Kanal zwiſchen Frankreich und England dagegen er⸗ ſchien ihnen gar wohl paſſirbar, und ſomit ruhten ſie
Ein eigenthümliches Volk, das Volk der Zigeuner! Zum erſten Male zeigten ſich dieſelben im Jahre 1417 in der Moldau, über welches Land damals.
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Alexander der Gute herrſchte, aber von„wo“ ſie her⸗ kamen, darüber liegt keine Nachricht vor.
noch die Ueberlieferung, dieſelben ſeien„über ein großes Waſſer“ geſetzt, und da ſich die Moldau in jenen Zei— ten bis an das ſchwarze Meer erſtreckte, ſo lag die Vermuthung nahe, die Einwanderer hätten den Pon⸗ tus Euxinus überſchifft. Allein— wie wäre
achttauſend Köpfe ſtark auftraten und beim jetzigen Seszava ſogar einen längeren Halt machten, um„ihre nachrückenden Brüder“ zu erwarten? kam alſo wenigſtens die Mehrzahl auf dem Land⸗ wege, d. h. von Bulgarien und der Wallachei aus, nach der Moldau, wie denn auch alte Chroniken be⸗ richten, daß jenes Volk die jetzige europäiſche Türkei „ſpinnengleich“ überſchlichen habe. Genug übrigens, anno 1417 waren ſie in der Moldau, und von da aus überſchwemmten ſie ganz Europa in einer faſt enormen Maſſe. Ja nicht blos in Maſſe, ſondern auch zugleich mit einer Schnelligkeit, die man verſucht ſein könnte für unglaublich zu erklären, wenn wir nicht die ſtrengſten hiſtoriſchen Belege dafür hätten!
Die nächſt gelegenen Lande Siebenbürgen und Un⸗
garn erreichten ſie noch in demſelben Jahre 1417, aber
obwohl es ihnen dort ſo überaus wohl gefiel, daß viele
Tauſende„nicht mehr weiter“ wollten, ſo zog es doch die Mehrzahl vor, auch die angrenzenden Gegenden mit ihrer Gegenwart zu beglücken und insbeſondere Deutſch⸗ Demgemäß erfahren wir aus der Meißner Chronik vom Jahr 1418 Folgendes über
land nicht zu vergeſſen.
ſie:„Zu der Zyt kam erſtlich ins landt das diebiſch, unartig und zauberiſch Bettelvolk, die Zigeuner,“ und ebenſo erwähnen ihrer die meiſten anderen Chroniken unſeres großen Vaterlandes in ganz ähnlicher Weiſe. Fünf Monate nach Aufhebung des Concils von Con⸗
ſtanz, ebenfalls im Jahr 1418, erſchienen ihrer ein
paar Hunderte vor Zürich, und den Frühling darauf ſah man ſie auch ſchon in der Provence; Basler Chroniken aber ſprechen von ihnen zum erſten Male
anno 1422, und im nämlichen Jahre noch überſchrit⸗ deutend hielten) allgemein wurde, und im Norden, d. i.
ten ſie die Alpen, bis nach Bologna und Forli vor⸗ dringend.
Kindern ſeinen Einzug in Paris, wo alle Welt die braungelben Fremdlinge mit außerordentlichem Erſtau⸗ nen anſtarrte, allein dieſe kleine Horde war nur der Vortrab, und kurze Zeit darauf erſchien eine Bande
von Zwölfhundert mit„einem König und einer Köni⸗
gin“ an der Spitze. Frankreich war jedoch natürlich
nicht das letzte Land, in das ſie eindrangen, ſondern ter, Namens Herbelot, aus, daß daſſelbe von der In⸗
erſt der atlantiſche Ocean, nachdem ſie ſich über ganz Spanien verbreitet hatten, gebot ihnen Halt. Nach Feierſtunden. 1863.
Unter den Nachkommen der erſten Ankömmlinge jedoch lebt jetzt
dies möglich geweſen ohne eine außerordentliche Anzahl von Schiffen, indem die Zigeuner gleich im Anfang über
Ohne Zweifel
n Am 17. Auguſt 1427 hielt Einer ihrer Anführer, der ſich einen„Grafen“ nannte, mit zehn Männern, alle zu Pferd, nebſt achtzig Weibern und
nicht, als bis ſie auch nach Brittanien ihr Contingent geſandt hatten. Dies geſchah anno 1512, und nun gab's in ganz Europa keine Provinz mehr, in welche dies ſeltſame Volk nicht eingedrungen geweſen wäre. Doch— wer waren denn die Fremdlinge? Woher kamen ſie und wie hießen ſie? So fragte man ſich, und kein Menſch konnte Auskunft ertheilen. Muth— maßungen aller Art entſtanden und die eigenthümlich⸗ ſten Hypotheſen wurden aufgeſtellt, aber auf die Wahr⸗ heit kam man lange nicht. Sie ſelbſt nannten ſich »Romma« oder»Roma«, d. i. auf deutſch„Män⸗ ner“, und noch jetzt iſt in England die Benennung: »Romnichal«, d. i.„das Volk der Männer“, unter ihnen gebräuchlich. Hie und da geben ſie ſich auch den Namen»Kale« oder»Melelle«, was ſo viel be⸗
deutet, als„ſchwarzbraunes Volk“, allein damit war
lediglich keine Aufklärung über ihre Perſönlichkeit und ihr Herkommen gegeben, denn daß ſie„ſchwarzbraun“ ausſahen, davon konnte ſich Jedermänniglich ſelbſt überzeugen. Ihre Herkunft anbelangend, waren ſie darin einſtimmig, daß ſie erklärten, aus„ Klein⸗ egypten“ zu ſtammen; allein weiter befragt konnten ſie nicht angeben, wo dieſes Kleinegypten liege, und
ob es mit dem„wirklichen“ Egypten ein und daſſelbe
Land ſei. Kurz aus ihnen ſelbſt war nichts Geſcheid⸗ tes herauszubringen, und ſo kam man dann in Polen auf den Gedanken, ob die Fremdlinge nicht etwa Nach⸗ kommen der„Philiſter“ aus Canaan wären,— eine Suppoſition, welche bald vielfachen Glauben fand. Die Ungarn dagegen meinten„Nachkommen der frühe⸗ ren Unterthanen Pharaos“ vor ſich zu haben, und gaben ihnen den Namen»Parao-Népek. Mit dieſer Anſicht ſtimmten die Engländer und Neugriechen über⸗ ein, wie die Namen»Gypsies« und»Güptoi«, d. h. „Egyptier“, beweiſen, und ſogar die Türken mit ihrem „Firäwni“, d. i.„Pharaoniten“n ſowie die Spanier und Italiener mit ihrem»Gitanos« ahmten ihnen nach. Anderen Glaubens waren die Franzoſen, bei denen der Name»Bohemiens«, d. h. Böhmen(die Franzoſen nehmen es übrigens bekanntlich mit der Geographie nicht ſehr genau, und ſomit wäre es leicht möglich, daß ſie Egypten und Böhmen für gleichbe⸗
in Schweden, Dänemark und Norddeutſchland, pflegte man die Fremdlinge für„Tartaren“ zu halten, weß⸗ halb man ſie auch„Tatern“ nannte. In der Schweiz, in Schwaben und in den Niederlanden hieß man ſie kurzweg„Heiden“ und traf damit zwar den Nagel auf den Kopf, weil von einem Chriſtenthum bei denſelben keine Rede war, allein der Löſung der Frage nach dem Herkommen und nach der Perſönlichkeit des ſonder⸗ baren Volks war man damit nicht näher gekommen. Doch ſiehe da, nunmehr fand ein franzöſiſcher Gelehr⸗
ſel„Kernuah“ an der Küſte von Zanguebar ſtamme,
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