Teil eines Werkes 
Band 2
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denn dort gab es einen Negerſtamm mit Namen »Bomiin«, was doch offenbar mit»Bohemiens-« gleichbedeutend ſei. Die Hypotheſe war kühn, aber trotzdem ließen ſie ſich andere Gelehrte durchaus nicht gefallen, ſondern ſtellten noch kühnere und tollere auf. So machte z. B. Kelpius die Zigeuner zuAmori⸗ tern, den bekannten Nachkommen des Cain, denn »Romma« undAmoriten hätten einerlei Wortwur⸗ zel, und ein anderer noch weiſerer Herr hielt ſie, weil das Wort Kale ſich leicht in ein»Lake« verſetzen läßt, mit jenen berüchtigten türkiſchen Mönchen, den Tor⸗Laken, die im 15. Jahrhundert wegen ihrer Aus⸗ ſchweifungen aus der Türkei vertrieben wurden, für identiſch. Den allergrößten Scharfſinn jedoch entwickelte unſer Landsmann, der hochgelehrte Wagenſeil, indem er nachzuweiſen ſuchte, daß die berüchtigten Fremdlinge nichts anderes ſeien, dennJuden, welche ſich, um den Verfolgungen in der letzten Hälfte des 14. Jahr⸗ hunderts zu entgehen, in den Höhlen und Wäldern Böhmens verſteckt hätten, und nun nach fünfzig Jah⸗ ren unter einer neuen Firma wieder in die Welt ge⸗ treten ſeien. Eine ſolche Behauptung zeugte doch ſicher⸗ lich von einer reichen Phantaſie und ſtimmte überdies noch mit dem Judenhaß überein, der damals allgemein war; aber konnte ſich ein Vernünftigdenkender da⸗ mit zufrieden geben? Man forſchte alſo weiter und weiter und traf am Ende doch noch den rechten Fleck.

Vor Allem fiel es auf, daß die Fremdlinge trotz der verſchiedenenBeinamen, die man ihnen da oder dort gab, doch auch wieder einenHauptnamen hat⸗ ten, der ihnen allüberall auf gleiche Weiſe beigelegt wurde. Dieſer gemeinſame Hauptname war der der Zigeuner, denn wenn auch die lateiniſch⸗ſchreiben⸗ den Autoren des Mittelalters den Ausdruck»Acin- gani«, die Neugriechen ⸗Athinganoi« oder»Tziganoi«, die Türken»Tschingareh«, die Wallachen»Cigann«, die Ungarn Cygani«, die Italiener»Cingari«, die Litthauer-Cigonas«, die Ruſſen»Tziganes«, die Spanier»Zincati« u. ſ. w. brauchten, ſo bedeuteten doch offenbar alle dieſe Worte nichts Anderes, als un⸗ ſer deutſchesZigeunner, und für dieſe übereinſtim mende Gemeinſamkeit mußte doch ein Grund vorhanden ſein.Warum in aller Welt, ſo rief ein Gelehrter dem andern zu,warum heißen denn die Zigeuner Zigeuner? Da gab's nun wieder ein arges Kopfzer⸗ brechen und unendlich viel Wunderliches kam zu Tage. Zuerſt dachte Einer an die Ketzerſekte derAthinganer, welche im 12. Jahrhundert in der griechiſchen Kirche eine Rolle ſpielten, während ein Anderer er hieß Marius Niger meinte, das ſchwarzbraune Völklein führe den Namen Zigeuner, weil es ausZeugetana in Afrika ſtamme. Ein Dritter, Claude Duret mit Namen, ließ ſie Cananäer aus der ProvinzTingi⸗ tana ſein, und ein Vierter, der deutſche Spondanus, machte ſie gar zu den Unglücklichen, welche Kaiſer Julianus Apoſtata ausSingara in Meſopotanien vertrieb. Ein Fünfter, Eccard der Geograph, meinte, die Fremdlinge ſeienZichen aus Circaſſien, und ein Sechster, der berühmte Aeneas Sylvius, erklärte ſie fürZochoren vom Kaukaſus, während ein Sieben⸗ ter, Doctor Haſſe, vollends bewies, daß dieSigy⸗ ner des Herodot und unſere Zigeuner eins und daſ⸗ ſelbe ſeien. Kurz, der Behauptungen und Muth⸗ maßungen gab es eine Menge, und ſogar an einer tunſtreichen Ableitung des bewußten Worts aus Sara⸗

cenen oder Egypter fehlte es nicht, denn Egypter, Egyptianer, Tianer, Cianer, Ciganer klingt gerade ſo gut, als Saracenen, Saracener, Zigarener, Ziganer! Mit der Zeit jedoch ſtellte es ſich bis zur Evidenz heraus, daß all' dieſe mit ſo viel Mühe zuſammen geſtoppelten Erklärungen nichts taugten, und da man zu gleicher Zeit fand, daß dasKleinegypten, von welchem die Zigeuner ſprachen, in keinem Falle in Egypten zu ſuchen ſei(Reiſende, wie Bellonius und

Andere, welche das Land der Pharaoen im 16. und

17. Jahrhundert zum Gegenſtande genaueſter Forſchun⸗ gen machten, überzeugten ſich nämlich, daß zwar aller⸗ dings recht viele Zigeuner dort lebten, daß dieſelben aber an den Ufern des Nils ebenſo für Fremdlinge galten, als in Europa), ſo warfen ſich verſchiedene Gelehrte auf das Studium der zigeuneriſchen Sprache, um zu ſehen, ob ſich hieraus nichts Beſtimmteres finden laſſe. Was zeigte ſich nun aber? Nichts Anderes, als daß dieſe Sprache ganz dieſelbe ſei, wie die, welche die Bewohner von Hin⸗ doſtan ſprachen! Das war nun doch ein deutlicher Fingerzeig, und ſiehe da, jetzt erinnerte man ſich plötz⸗ lich, wie ſchon der vor mehr als hundertundfünfzig Jahren verſtorbene Geſchichtsforſcher Muratori die wich⸗ tige Notiz brachte, daß einige der anno 1422 in Forli in Italien angekommenen Zigeuner auf Befragen aus⸗

geſagt hätten, unterKleinegypten verſtänden ſie Indien. Nun natürlich faßte der Glaube, daß die

Zigeuner aus Hindoſtan ſtammten, immer ſtärkere Wurzeln, und als man vollends gar entdeckte, daß dieſelben ſich, wenn ſie unter ſich waren,»Sinte⸗, d. i. Sindhbewohner oder Hindoſtaner nannten, blieb bald kein Zweifel mehr übrig, daß jenes Volk dem mittleren Aſien ſeinen Urſprung verdanke.Wie konn⸗ ten wir nur ſo thöricht ſein, nicht gleich von Anfang an auf dieſe Entdeckung zu gerathen,ſo riefen ſich jetzt die Herren Gelehrten zu,da ja ſchon das Aus⸗ ſehen des Zigeuners den malayiſch⸗indianiſchen Ur⸗ ſprung verräth? Und in der That, die dunkle Haut⸗ farbe, die ſchiefen Augenachſen, die erhobenen Backen⸗ knochen, die lang bewimperten ſchwarzen Augen, der feine Mund mit der ſchön geformten Naſe, der zier⸗ liche ſchlanke Wuchs und die herrliche Formenentwick lung dies Alles beweist die Abſtammung von den Malayen zur Genüge. Um nun aber auch ſelbſt den Ungläubigſten zu überzeugen, haben neuere Reiſende in Mittelaſien einen Volksſtamm oder vielmehr eine Volks⸗ kaſte gefunden, die nicht nur in Benennung, Sitte und Gewohnheit mit unſeren Zigeunern die allerauf⸗ fallendſte Aehnlichkeit hat, ſondern auch über ganz Hindoſtan in ungeheurer Maſſe verbreitet iſt, und es wurde ſomit der Beweis hergeſtellt, daß es in Aſien ſo gut Zigeuner gibt, als in Europa. Dieſe Kaſte heißt nämlichTzengaris oderTſingaris und wird von bewährten Kennern des Orients mit fol⸗ genden Worten geſchildert:Die Tzengaris führen ein unſtetes Leben, ziehen mit ihren Kärren im Lande um⸗ her, hauſen am liebſten in Wäldern, ſind entſetzlich ſchmutzig und ſtehen in einem Rufe, der nicht leicht ſchlechter ſein könnte. Sie treiben nämlich kein ſtatio⸗ näres Gewerbe, ſo wenig als ſie dem Ackerbau oblie⸗ gen, ſondern ſind am liebſten Muſiker, Gaukler und Tänzer; nebenbei aber ſröhnen ſie auch dem Diebſtahl und Raube, ſowie ihnen überdem kein gemeines Laſter fremd iſt. So ſchildert der Reiſende Heriot die