Ihnen über die Belohnung zu unterhandeln, welche
Sie auf die Wiederbeiſchaffung eines ſo koſtbaren Fa⸗ milien⸗Juwels ſetzen wollen. Die fragliche Dame kann das Geld wohl brauchen, davon kann ich Sie verſichern.“
Schon als ich der Dame gedachte, welche im Be⸗ ſitze des Ringes ſei, entging mir nicht, daß Mr. Roß ein wenig zuſammenbebte und eine flüchtige Röthe ſein blaſſes Geſicht überflog,— meines Bedünkens ein vergeblicher entfernter Verſuch, noch ſchamroth zu werden.
„Ich bin geneigt, in dieſem Punkte ſehr freigebig zu ſein, Mr. Forbes,“ erwiederte er etwas betreten. „Der Ring hat meinem Vater gehört, der ihn unter ganz eigenthümlichen Umſtänden erhielt und ſtets den Wunſch hegte, er möchte nicht aus den Händen der Familie kommen.“
„Darf ich fragen, Mr. Roß, auf welche Weiſe und wann Sie dieſen Ring verloren haben?“
„Jenun, eigentlich verloren habe ich ihn nicht; ich lieh ihn vielmehr einem Freunde und bekam ihn nicht wieder.“
„Und Ihr Freund alſo hat ihn vermuthlich ver⸗ loren?“
„Sehr wahrſcheinlich. Aber Sie ſagen: der Ring befinde ſich nun in den Händen einer Dame. Darf ich mich erkühnen, nach dem Namen derſelben zu fragen?“
„Ei gewiß, Mr. Roß; der Name iſt kein Geheim⸗ Sie heißt Maria Morris.“
„Maria Morris? Ich habe nicht die Ehre, ſie zu
kennen. Ich kenne Niemand dieſes Namens!“ verſetzte
Mr. Roß mit einer Verlegenheit in Blick und Weſen,
die ſeine Worte vollkommen Lügen ſtrafte.
„Sonderbar, daß Sie die Mutter Ihres Kindes nicht kennen ſollten!“ ſagte ich langſam und mit einem forſchenden Blick.
„Die Mutter meines Kindes, mein Herr? Ich verſtehe Sie nicht. In der That, mein Herr, Sie nehmen ſich da eine Freiheit, die wirklich unerhört iſt und aus. 4
„Mr. Roß, ſehen Sie mich gefälligſt einmal recht
niß.
an!“ fiel ich ihm mit lauter, feſter Stimme in's Wort,
ſtand vom Stuhl auf und trat ihm einen Schritt näher, denn die kaltblütige Unverſchämtheit und der niederträchtige Gleichmuth des jungen Mannes mach⸗ ten mir die Galle etwas warm.„Sehe ich aus wie ein Narr oder wie ein Mann, der ſich foppen läßt? Meiner Treu, ich deuke hier nicht die Rolle des über⸗ tölpelten Alten in einer Poſſe zu ſpielen. Ich bin ein
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„In der That, mein Herr,“ ſtammelte er;„ich hatte keine Ahnung davon, 2... Was verlan⸗ gen Sie von mir, was ſoll ich thun?“ 5
„Ihre Pflicht als Menſch und Chriſt ſollen Sie thun. Entreißen Sie dieſes arme Mädchen, das Sie zu einem Leben voll Schmach und Elend veturtheilt haben, ſeiner gegenwärtigen grauſamen Lage. Sorgen Sie ehrenhaft für die Zukunft Ihres Kindes und zwingen Sie es nicht, ein Dieb oder etwas noch ſchlim⸗ meres zu werden, damit es dereinſt in der Stunde ſeiner Verurtheilung Sie verfluche! Sie beſitzen ohne Zweifel Geld, auch wenn Sie kein Gefühl haben; opfern Sie alſo etwas von Ihrem Gelde und retten Sie damit Ihr Gewiſſen. Jetzt, wo Sie das Ergeb⸗ niß jenes niederträchtigen Streiches kennen, ſind Sie auch für die Folgen im vollſten Umfange verantwort⸗ lich, und können nicht länger Unwiſſenheit vorſchützen. Maria Morris iſt Ihrer Hilfe ebenſo würdig als bedürftig.“
„Sie haben vermuthlich ihre Adreſſe, Mr. Forbes?“
„Mit nichten, aber ich weiß, wo ſie zu finden iſt.“
„Kann ich ſie ſehen?“
„Vorerſt nicht, und doch wünſchte ich, Sie wüx⸗ den ſie ſehen. Der Anblick des Zerfalls und der Ver⸗ kommenheit, welche Sie verurſacht, könnte wenigſtens einige Reue und Gewiſſensbiſſe in Ihrem Herzen er⸗ wecken!“
„Genug, mein Herr! Darf ich Sie bemühen, ihr dies zu bringen?“ ſagte Mr. Roß, und reichte mir einen Sovereign.
„Dies will ich gern beſorgen, aber Sie werden wohl wiſſen, daß dieſe Kleinigkeit nicht weit reicht, wenn es gilt, auch nur die dringendſten Bedürfniſſe des armen Mädchens zu befriedigen. Sie iſt von Allem entblöst, ihre Heimath iſt die Straße; ſie kann nie auf die nächſte Mahlzeit mit Sicherheit rechnen, und doch muß das arme Würmchen,— Ihr Kind, mein Herr!— ſeine Nahrung aus dieſem nur halb⸗ geſättigten Körper ziehen. Sie braucht Kleider, Herr, und Obdach und Nahrung, und alles Mögliche. Mei⸗ ner Treu, Herr, eine Zehnpfundnote wäre hier mehr
am Platze!“
Mann von Welt, mein Herr, und ſchmeichle mir da⸗
bei, ein Mann von Bildung, von Ehre und von Stande zu ſein. Wenn Sie eben für einen ſolchen gelten und angeſehen ſein wollen, ſo laſſen ſie augen⸗ blicklich die Rolle fallen, die Sie angenommen haben, und verhandeln Sie ehrlich und offen mit mir. Sie haben auf eine unverantwortliche, feige und nichtswür⸗ dige Weiſe ein armes unerfahrenes Mädchen in's Un⸗
glück geſtürzt, und wenn Sie kein gefühlloſer Schuft 1 bald darauf kam auch mein Schützling mit ſeiner
obſchon ich nicht
ſind, ſo werden Sie ſich gewiß einige Mühe geben, dieſes Mädchen und Ihr eigenes Kind dem grauſam⸗
ſten Elend und einer Lage zu entreißen, an welche ein
Chriſt und gebildeter Mann nicht ohne Schauder den⸗ ken kann!“
„Jenun, dieſes Goldſtück wird wenigſtens einſtwei⸗ len ihr Obdach und Nahrung verſchaffen. Ich werde ſie ſehen, ſobald Sie es erlauben, und mich bemühen, ihr dann eine behaglichere Lage zu bereiten.“
„Das iſt nur Ihre Pflicht, Mr. Roß!“ rief ich. „Trotz dem abſcheulichen Unrecht, das Sie ihr ange⸗ than haben, trägt ſie Ihnen doch keinen Groll nach; ſie liebt in Ihnen, ich darf es wohl ſagen, den Vater ihres Kindes.“.
Es gibt nichts ſo lohnendes, als für eine, gute Sache zu ſtreiten. Recht iſt eine gewaltige Macht in einem ſolchen Falle. Ich vertrat die Rechte des be⸗ trogenen Mädchens und die Gerechtigkeit meiner Sache machte mich kühn. Ich verabſchiedete mich von Mr. Roß mit dem Verſprechen, ihn in wenigen Tagen wie⸗ der zu ſehen.
Der folgende Tag war ein Freitag. Ich fand mich um neun Uhr an dem beſtimmten Orte ein, und
ſchweren Laſt auf dem Arme.
„Sie ſehen, ich bin gekommen, recht glauben konnte, daß ich Sie treffen würde!“ hub ſie an.


