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„Wie kamen Sie zu dieſem Ring?“ fragte ich ſie.
„Er lieh ihn mir, und ich wollte ihm den Ring nicht wieder zurückgeben, obſchon er mit mir darüber ernſtlich böſe war. Ich verſprach ihm denſelben wie⸗ der zurückzugeben, ſobald mein Kind auf der Welt wäre; aber er war damit nicht zufrieden, und ich glaube zuweilen, daß er nur wegen des Rings mir nicht mehr geſchrieben und mich nicht mehr aufgeſucht hat. Mei⸗ nen Sie nicht auch?“
„Wohl möglich. Laſſen Sie mich den Ring näher unterſuchen; ziehen Sie ihn auf eine Minute ab und geben Sie ihn in meine Hand.“
„Aber nicht wahr, Sie laufen mir nicht damit davon?“
„Gewiß nicht. Hier, halten Sie den ich ebenſo hoch halte, wie ſer Stock iſt aus einem Stück Admiralſchiff ‚Victory'.“
„Wirklich, dann muß er werthvoll ſein.“
Ich betrachtete mir den Ring ganz genau. Er war von eigenthümlicher Arbeit, hatte die Geſtalt eines mehrdrähtigen Taues und bildete einen ganzen Kreis von lauter ſchönen, großen Smaragden. Innen ſtand mit alten gothiſchen Buchſtaben:„H. S. ihrem W. R. 1811.“ Dieſe Schrift war ganz deutlich lesbar und — wahrſcheinlich vom beſtändigen Gebrauch— ganz ſchwarz geworden. Wie ich ſo den Ring betrachtete, ſchoß mir plötzlich ein Gedanke durch den Kopf, wie ich dem armen Mädchen einen Dienſt leiſten könnte.
„Geſetzt, ich wollte Sie wieder ſprechen, Frauen⸗ zimmerchen, wo kann ich Sie finden?“ fragte ich.
„Wo Sie nur wollen.“
„Nun denn, ſo kommen Sie jeden Dienſtag und Freitag Abend um neun Uhr hieher, bis Sie mich treffen. Vielleicht bin ich im Stande, etwas für Sie zu thun. Wie heißen Sie?“
„Maria Morris.“
„Wohlan denn, Maria, ich hoffe Sie in Bälde wieder zu ſehen und Ihnen einige gute Nachrichten bringen zu können. Hier, nehmen Sie dies, es wird Ihnen wenigſtens für einige Tage Nachtquartier und ein Frühſtück verſchaffen.“
„Gott ſegne Sie, Herr! wie gut ſind Sie doch gegen ein armes Mädchen! Alſo Dienſtags und Frei⸗ tags— gut, ich werde pünktlich kommen!“
Wir trennten uns und ich machte mich auf den Heimweg nach meinem einſamen Stübchen, und grübelte unterwegs über den beſten Plan, den ich verfolgen könnte, um die arme bethörte Waiſe wieder in Rap⸗ port mit ihrem Verführer zu bringen.
Zwei Tage ſpäter war in der Times folgende An⸗ zeige zu leſen:
„Gefunden: Ein altväteriſcher Smaragdring mit An⸗ fangsbuchſtaben und der Jahreszahl 1811 auf der innern
Seite. Der Eigenthümer kann ihn wieder erhalten gegen
Einſendung einer genauen ſchriftlichen Beſchreibung an
J. F., Poſtbureau, 186. Strand.“
Am folgenden Tage lief ein ganzer Schwarm Briefe ein, die der Mehrzahl nach offenbar nur bloße Spe⸗ kulationen waren auf die Möglichkeit, zufällig mit ihrer Beſchreibung das Richtige zu treffen. Doch war unter dieſem Haufen einer, der ſich auf Thatſächliches ſtützte und folgendermaßen lautete:
„King'’s Bench Walk, Middle⸗Temple, Mittwoch.
Mein Herr! Vor einigen Monaten verlor ich einen
Ring, welcher nach der von Ihnen gegebenen Beſchrei⸗
meinen Stock, Sie Ihren Ring. Die⸗ Holz von Lord Nelſon's
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gen Eigenthümer.
lich mit dem Glockenſchlage vor der Mr. Walter Roß, Barriſter, ein.
lich geweſen, Mr. Roß.
bung identiſch ſein dürfte mit dem funden haben. Der Ring, den ich verlor, iſt getrieben wie die Stränge eines Taus und rings herum mit zwölf großen Smaragden beſetzt. Innen ſteht in gothiſcher Schrift: ‚II. S. ihrem W. R.“ Sollte dies mit dem Ning übereinſtimmen, den Sie gefunden haben, ſo werde ich es Ihnen ſehr danken, wenn Sie mir denſelben un⸗ ter der oben genannten Adreſſe bringen oder ſchicken, worauf für die Wiederbeiſchaffung eine entſprechende Be⸗ lohnung gereicht werden ſoll. Mit aller Achtung Walter Roß.“ „An J. F., Poſtbureau, 186. Strand.“
Dies war's gerade, was ich haben wollte. Der Fiſch hatte angebiſſen, und ich hoffte ihn ſicher an's Land zu bringen.
Ich erwiederte alſo umgehend in einem höflichen Billet, der Ring entſpreche genau der eingeſchickten Beſchreibung, und ich betrachte ihn als den rechtmäßi⸗ Ferner fügte ich noch bei, ich werde ihm am folgenden Tage, um fünf Uhr Nachmittags, meine Aufwartung machen.
Am andern Tag verkleidete ich mich als ein Gent—
Ringe, den Sie ge
leman aus der alten Schule: blauer Frack mit ver⸗ goldeten Knöpfen, graubraune kurze Kaſimir⸗Beinklei⸗
der, Bruſtkrauſe, diamantene Buſennadel, zwei Bril⸗ lantringe an den Fingern, gepudertes Haar, Stock mit
goldenem Knopfe, ſilberne Schnallen an den Schuhen.
Ich nahm mir einen Miethwagen und fand mich pünkt⸗ Amtsſtube des
Ich pochte ziemlich laut mit meinem Stocke, und alsbald ward die Thüre weit geöffnet. Mr. Roß war ganz verblüfft ob meiner Erſcheinung; offenbar erwar⸗ tete er eine ganz andere Perſönlichkeit vor ſich zu ſehen, etwa einen Fleiſcher oder einen Käſekrämer.
„Ah! habe vermuthlich die Ehre, Herrn Roß zu ſprechen? Sehr erfreut! Sie ſehen, ich bin pünktlich,“ hub ich an, zog eine goldene Repetiruhr aus der Taſche und ließ ſie fünf ſchlagen.„Bin mein lebenlang pünkt⸗ Es iſt der einzige Weg, um im Leben vorwärts zu kommen, Mr. Roß; aber die
eute ſind nicht mehr ſo pünktlich und ordnungsliebend,
wie ſie ehedem waren, Mr. Roß. auch, Herr?“—
Mr. Roß ſchien es nicht für rathſam zu erachten, in der Abſicht über die Pünktlichkeit der gegenwärtigen Generation von mir weſentlich abzuweichen. Er nickte zuſtimmend, bot mir einen Stuhl und ſagte:„Darf ich bitten, Platz zu nehmen, mein Herr? Ich habe noch nicht das Vergnügen, Ihren Namen zu kennen.“
Ich heiße Forbes, Mr. Roß— John Forbes. Ich darf annehmen, daß Ihnen dieſer Name einiger⸗ maßen bekannt iſt!“
„Ganz gewiß, vollkommen bekannt. Die Forbes...“
„Allerdings— ganz richtig, Mr. Roß. Aber meine Zeit iſt ziemlich koſtbar. Laſſen Sie uns ge⸗ fälligſt auf unſer Geſchäft kommen. Sie wiſſen na⸗
Meinen Sie nicht
türlich, welche Veranlaſſung mich zu Ihnen herführt.“
„Haben Sie den Ring mitgebracht, Mr. Forbes?“
„Nein, noch nicht.“
„Noch nicht? Aber....“
„Bitte um Vergebung, der Ring befindet ſich nicht in meiner Verwahrung. Ich habe ihn zwar geſehen und bin überzeugt, daß er Ihnen gehört; allein der Ring ſelber befindet ſich in den Händen einer Dame, in deren Intereſſe und Auftrag ich dieſe Unterredung mit Ihnen angeſtrebt und nachgeſucht habe, um mit


