Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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ſtaben W. R.

Jahr und Tag kam ſie wieder, ſo wun⸗ und hatte eine goldene Uhr, goldene Ringe und Armbänder. Eines Abends lud ſie mich ein, mit ihr in's Theater zu gehen. Der Mutter durft' ich das nicht ſagen, weil ich wußte, daß ſie es nicht zugegeben hätte. So gingen wir beide dann in eine Loge, wo zwei Herren waren, die ganz artig und freundlich mit uns thaten. Nach dem Theater führten ſie uns in ein Speiſehaus und traktirten uns mit einem Abendbrod. Sie gaben mir viel Wein zu trinken, ſo daß ich bald nicht mehr wußte, wo ich war. Kurzum, als ich am andern Morgen erwachte, war ich ein rui nirtes Geſchöpf....

Haben Sie den Herrn ſpäter noch einmal geſehen?

O ja, erwiederte ſie weinend,ſehr oft. Ich gab ihm Zuſammenkünfte und er pflegte mir zu ſchrei⸗ ben; nachdem ich ihm aber meinen Zuſtand geſtanden hatte, ſchrieb er mir niemals wieder, und ich habe ihn ſeither bis auf dieſe Stunde mit keinem Auge mehr geſehen.

Hat er Ihnen denn nie ſeinen Namen geſagt?

O ja, er ſagte mir, er heiße Robert, und auf den Siegeln ſeiner Briefe ſtanden die Anfangsbuch⸗ Er gab ſich für einen Advokaten aus, der im Temple wohne; ich habe ihn auch oft dort auf⸗ geſucht, aber nie zu Geſicht bekommen.

Hat er Ihnen Geld gegeben?

Sehr wenig.

Wie haben Sie es aber angefangen, über Ihre

ſchwere Zeit hinüberzukommen? Ach, es ging mir herzlich ſchlecht. Als meine arme Mutter ſtarb, hinterließ ſie mir einige Möbel, aber ich mußte ſie weit unter dem Werthe verkaufen, um den Doktor, die Wartefrau und die Hausmiethe zu bezahlen. Jetzt iſt Alles fort der Miethsherr hat ſich mit Allem bezahlt gemacht, was ich noch hatte. Hätte ich nur meine kleine Wohnung beibehalten kön⸗ nen, ſo wäre ich ſchon durchgekommen; ich hätte Ar⸗ beit gefunden und fleißig gearbeitet, aber jetzt, wo ich nicht genug Geld habe, um ein eigenes Stübchen be⸗ zahlen zu können, muß ich mein Unterkommen in einer gemeinen Herberge ſuchen, und da ſind die Leute ent⸗ ſetzlich ſchlecht und böſe, fluchen ſo und führen ab⸗ ſcheuliche Reden im Munde.

Und was glauben Sie denn, daß aus Ihnen werden wird? fragte ich ſie.

Das weiß der liebe Gott. Ich kann arbeiten, aber da iſt mein Kind, das mich davon abhält, und wenn ich den armen Wurm in fremde Koſt und Pflege gebe, ſo wird er mißhandelt werden und mich meinen ganzen Verdienſt koſten.

Haben Sie keine Verwandten?

Ja, eine alte Muhme, aber ſie hat ſelbſt eine große Familie und kann nichts für mich thun.

Und wie bringen Sie ſich denn fort?

Die Leute ſchenken mir bisweilen eine Kleinigkeit. Ich brauche ja nicht viel, um mich und meinen lieben Knaben zu ernähren.

Sie ſind alſo vermuthlich eine Bettlerin?

Nein; Sie können mich zwar ſo nennen, wenn Sie wollen, aber ich ſpreche nie Jemand um ein Al⸗ moſen an. Gibt man mir etwas aus freien Stücken, ſo nehme ich es mit Dank an; gibt man⸗ mir nichts, ſo bin ich's auch zufrieden. Betteln aber kann und

Dienſt. Nach derſchön gekleidet,

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werd' ich nie. Wer mich anſieht, wird mich auch nicht für eine Bettlerin halten.

ner Abſicht, Ihnen wehe zu thun.

Ruhig, Frauenzimmerchen! Es lag nicht in mei⸗ 9 Ich wollte nur

fragen, ob Sie kein anderes Subſiſtenzmittel haben, als die Mildthätigkeit Anderer.

Nein, ſonſt gar nichts. Und haben Sie nie darüber nachgedacht, was Sie

weiter beginnen wollen?

Zu allernächſt möchte ich den Vater meines Kna⸗ ben auffinden. Ich wandere den ganzen Tag in den Straßen herum in der Hoffnung, ihm zu begegnen, aber ich treffe ihn niemals.

Und was wollen Sie thun, wenn Sie ihn finden ſollten?

Ihm ſeinen Knaben zeigen und ihn fragen, ob er auf einen ſolchen Jungen nicht ſtolz iſt?

Mich dünkt, der Junge braucht auf einen ſolchen Vater nicht ſtolz zu ſein. Haben Sie ſo viel Geld, daß Sie ein Nachtquartier bezahlen können?

Ich habe nur zwei Pence, und vielleicht wiſſen Sie, wie weit dies für ein Obdach über Nacht reicht, ſagte ſie kleinmüthig.

Ich weiß leider nicht, was ich für Sie thun kann, Frauenzimmerchen. Ich bin ſelber ein armer Mann und kann Ihnen mit dem beſten Willen nicht helfen. Ich fürchte, Sie werden noch in's Armenhaus gehen müſſen.

Niemals! Lieber auf

Aber Ihr Kind?!

Ach ja, das arme, liebe Kind! Was ſoll noch aus ihm werden? Wird man ihn im Findelhauſe auf⸗ nehmen, wenn er erſt größer iſt?

Nein, wenn ſein Vater nicht reich iſt und Ihnen keine Empfehlung gibt, kann er nicht aufgenommen werden.. Gibt es denn keine Schule, wo man ihn aufneh⸗ men und erziehen würde? 4

Ich wüßte keine ſolche,

der Straße ſterben.

wenn Sie nicht gute,

dd. h. gewichtige, reſpektable Empfehlungen beibringen können. Das chriſtliche Mitleid hier zu Lande ſorgt

nur für die Tugendhaften, nicht für das irrende Kind des Unglücks. O Himmel, was ſoll denn alsdann ein armes Mädchen, wie ich, thun? Auf Gott vertrauen, der den Wind ſänftigt auch für das geſchorene Lamm. O wie ſtrenge beſtraft er mich für meinen Unge⸗ horſam und Leichtſinn! Ach, bin ich nicht ein recht thörichtes Geſchöpf geweſen? Was für ein Unglück hab' ich über mich hereingebracht? O Gott, erbarme dich meiner! Was haben Sie denn da an Ihrem Finger? fragte ich ſie plötzlich,es ſieht ja aus wie ein Ring! Es iſt auch ein ſolcher. Sie wollen ihn ſehen? Hier! Aber ich kann ihn nicht weggeben; der Ring kommt ja von ihm. Ich kann ihn nicht verkaufen. Ich könnte manches Abendbrod und Nachtlager dafür dekommen, wenn ich ihn verkaufen wollte; aber ich konnte es nie über mich gewinnen und werde es auch nie.. Ich hob ihre Hand mehr in's Licht, um den Ring V zu betrachten. Er war von antiker Form und maſſi⸗ vem Gold, mit Smaragden beſetzt, ßem Werthe, und ſah aus wie ein altes Erbſtück.

offenbar von gro⸗