Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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Schönheit nennen.

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zu bezahlen, und ſchloß daraus, ſie ſei von einem Taſchendieb beſtohlen worden.

Was ſoll ich nun anfangen? Ich gerieth in den falſchen Omnibus. Er hätte mich zu der Bank brin⸗ gen ſollen und hat mich nun hier abgeſetzt. Ich bin von Chelſea gekommen und der Omnibus fuhr nach Islington. Ich bin verheirathet und wohne in Syden⸗ ham; und wenn ich nicht heute Nacht nach Hauſe komme, was wird mein Gatte von mir denken? Ich

war auf Beſuch bei meiner Schweſter, die in großer

Noth iſt, und ich habe mehr gethan, als ich hätte thun ſollen, denn ich gab ihr all' mein Geld bis auf das wenige, welches ich bedurfte, um die Fahrt bis an die Bank zu bezahlen. len von der London⸗Brücke entfernt, fuhr ſie ſchluch zend fort.Was ſoll ich nun beginnen? Wenn ich zu Fuß hingehe, ſo verſäume ich den Nachtzug, und mein Mann wartet auf mich am Bahnhofe.

Nun bin ich gar kein hartherziger Mann, obſchon von der Polizei. der naiven kunſtloſen Weiſe, womit diefe Frau mir ihre Verlegenheit und Noth geklagt hatte; ſie war eines von jenen ſtillen, warmfühlenden, zarten, ſenſitiven Weſen, die gar nicht geſchaffen ſind für die ſteinigen und dornigen Wege des Lebens. Ich griff daher in die Taſche nach einem Sippenceſtück, rief den erſten beſten Omnibus an, der nach der London-⸗Brücke ging, hob ſie hinein, zahlte ihre Fahrt und wünſchte ihr glückliche Reiſe.

Sie war noch nicht lange fort, ſo trat eine neue Schauſpielerin auf meine Bühne. Diesmal war es ein Mädchen von ungefähr achtzehn Jahren, mit ſchö⸗ nem dunklem Haare und ſchwarzen Augen, einem hüb⸗ ſchen intelligenteu Geſicht, das einſt glücklich gelächelt haben mochte. Noch war es rund und mit Grübchen in Kinn und Wangen, und bedurfte nur des Sonnen⸗ ſcheins günſtiger Glücksumſtände, um wieder in dem⸗ jenigen Glanze aufzuleuchten, welchen die Menſchen Sie trug eine ſchwere Laſt im Arme, die ſie mit einem dünnen, alten, verblichenen Shawl bedeckte. Ich hielt dieſe Bürde für einen Pack Leinwand oder ſonſtigerArbeit, welche ſie mit nach Hauſe nehme. Sie war dürftig gekleidet und in tie fer Trauer, wie ſie ärmere Leute tragen. Den ſchwar⸗ zen, halbzerknitterten Hut aber hatte ſie mit einem eigenthümlichen Schick aufgeſetzt, wie ihn gewöhnliche Mädchen nicht tragen. 4

Als ſie dem Orte nahe gekommen war, wo ich lehnte, blieb ſie ſtehen und blickte mir mit ſtummer, ſchüchterner Bitte in's Geſicht.

Nun, mein Fauenzimmerchen, was haben Sie denn da?

Ein Kind, flüſterte ſie erglühend.

Ein Kind? Und das tragen Sie in einer ſolchen Nacht in's Freie? Wollen Sie es denn umbringen?

Ich es umbringen? Gott verzeih' Ihnen! Es iſt

zwar eine ſchwere Bürde für mich, aber ich würd' es uicht um die ganze Welt hergeben. Aber warum ſind Sie zu dieſer Stunde noch mit

ihm auf der Straße? Dieſer Nebel macht es ſicher

krank oder bringt ihm den Tod. Sie thäten beſſer nach Hauſe zu gehen!? Ja, wenn wir ein Obdach hätten! flüſterte ſie weinend. Kein Obdach? Wo iſt denn des Kindes Vater?

Sie ſagen, ich ſei noch drei Mei⸗

Ich fühlte mich tief ergriffen von

Wollte Gott, ich wüßte das!

Iſt er durchgegangen und hat euch beide im Stich gelaſſen? Auch nicht? Nun denn, warum läßt er euch denn in einer ſolchen Nacht auf die Straße? Iſt er ein Trunkenbold, ein Schlemmer? ſucht Ihr ihn etwa in den Schenken auf?

O nein ich weiß gar nicht, wer er iſt! ſagte ſie.Ich ſuche ihn auf und kann ihn nicht finden.

Unſinn! Wie glaubt Ihr mir eine ſolche Fabel aufbinden zu können?!.

O Herr, es iſt leider nur allzu wahr! Gott, es wäre anders!

Iſt es ein Mädchen oder ein Knabe?

Ein herziger Knabe, gottlob!

Ein Knabe! Und nicht zu wiſſen, wer ſein Vater iſt! Ihr ſeid doch nicht blödſinnig, Frauenzimmerchen; oder Ihr müßt mich dafür halten!

O, gewiß nicht. Aber vielleicht würden Sie mir auch nicht glauben, wenn ich Ihnen Alles wahrheits⸗ getreu erzählte!

Doch, doch! ich kann immer der Wahrheit glau ben, aber mit Unwahrheiten richtet man bei mir nichts aus.

Der Junge iſt ſo ſchwer, und ich habe ihn ſeit ſieben Uhr nicht vom Arme gebracht. Würden Sie nicht die Güte haben, ihn auf eine Minute oder zwei zu halten, während ich mein Kleid aufſchürze.

Ich nahm das Kind auf den Arm und er war ſchwer; ich gebe mein Wort darauf, ich hätte ihn nicht vier oder fünf Stunden lang in Einem Zuge herum⸗ tragen mögen.

Betrachten Sie ihn nur einmal ſchläft er nicht wie ein Engel? ſagte die arme Mutter zu mir.

Ich beſchaute mir das Kind beim Licht der Gas flamme; es war das leibhafte Ebenbild ſeiner Mutter, und ſchlief wirklich wunderſchön. Armes Kind! dachte ich; du ſollſt nie den Urheber deines Daſeins kennen lernen, nie deinen Vater kennen! Aus welchem Stoff ſind doch die Menſchen gemacht! Wäre es der Ab komme eines Pavians oder einer Hyäne geweſen, ſo würde er ein wenig natürliches Mitgefühl gefunden

Wollte

haben.

Erzählt mir jetzt die ganze Geſchichte, Frauen⸗ zimmerchen! ſagte ich; Ihr gebt vor, Ihr wiſſet nicht, wer der Vater des Kindes ſei, und doch ſeid Ihr die Mutter. Wie ſoll ich dies verſtehen?

Jenun, den Vater kenne ich natürlich; aber ich will damit ſagen, ich weiß weder ſeinen Namen, noch ſeinen Stand, noch ſeinen Wohnort. Sie ſehen ſo wohlwollend aus und ſcheinen es gut mit mir zu mei nen; vielleicht werden Sie mich nicht ſchelten oder tadeln, wenn ich Ihnen meine Thorheit und meine Leiden erzähle.

Nur friſch heraus damit; ich will Sie nicht ſchel ten, nur ſollen Sie mir die Wahrheit ſagen.

Meine Eltern ſind beide todt, hub ſie an. Mein Vater iſt ſchon vor Jahren geſtorben; aber meiner armen guten Mutter brach das Herz, als ſie mein.... meine Schande erfuhr. O wie thöricht bin ich geweſen! Aber für ſchlecht müſſen Sie mich darum doch nicht halten! Ich wohnte mit meiner Mutter zuſammen und wir lebten von unſerer Hände Arbeit. Ich hatte eine Jugendgeſpielin, ein Nachbars⸗ kind; die ging ſpäter vom Hauſe hinweg in einen

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