tur viel näher, als dies in den Syſtemen der Fall iſt, wo auf das zierlichſte und kleinſte Vögelchen, das ſich ſchwebend vom Honig der Blumen nährt, die wackelnde Ente folgt.“
Es waren indeſſen keineswegs Fehler und Mängel des Linne'ſchen Syſtems, was den Doktor Raphanus ſo ſehr gegen dieſen großen Naturforſcher aufbrachte, denn er anerkannte die Vorzüge ſeines Syſtems gerne, da es das Auffinden und Beſtimmen der Pflanzen ſo ſehr erleichtert, als dies vielleicht überhaupt möglich iſt, ſondern er eiferte hauptſächlich gegen die Kunſt⸗ ausdrücke, die techniſchen Bezeichnungen des Linne ſchen Pflanzenſyſtems, das er ein unſittliches und verwerf⸗ liches nannte.„Warum,“ ſagte er,„in die reine und heilige Welt der Blumen, die ſo herrlich und ſchön iſt, als ob ſie aus den Händen der lieben Engel her⸗ vorgegangen wäre, unreine, ſündige Gedanken bringen! Warum, es iſt ein unglücklicher Gedanke, bei den Blumen von Geſchlechtstheilen, von Männchen und Weibchen und ſogar von Zwittern zu reden, und da⸗ mit ſchon die Phantaſie der lieben Jugend zu beflecken!“
Doktor Raphanus beſchloß alſo, ein anderes, beſſeres
an die Stelle des Linne'ſchen Sexualſyſtems zu ſetzen, das dem äſthetiſchen und ſittlichen Gefühle vollkommen genügen ſollte. Lange war er jedoch unſchlüſſig, nach welchem Eintheilungsgrunde er ſeine neue Claſſifikation bewerkſtelligen ſollte. Die Farbe, der Geſchmack, die chemiſchen Beſtandtheile, die Samen oder Früchte, nichts wollte ihm Stand halten. Da ſich nun aber Rapha⸗ nus die Geſchöpfe als eine Kette dachte, auf welcher Ring auf Ring folgt, oder als eine Stufenleiter, auf welcher oben der vornehmſte Engel, unten aber das letzte Sonnenſtäubchen ſteht, ſo beſchloß er, die Ge⸗ wächſe nach ihrem vollkommeneren oder einfacheren Bau in eine lange Reihe zu ſtellen, und hernach in Serien oder Beete zu ordnen. Daß er ſein Syſtem mit irgend einer kaum mehr durch Gläſer erkennbaren Schimmelpflanze ſchließen werde, war ihm klar, un— ſchlüſſig war er hingegen darüber, mit welcher Pflanze er beginnen wolle, denn die Roſe, die Königin der Blumen, die Orange, der goldene Apfel der Hespe⸗ riden und die Mimosa pudica, die bei einer Berüh⸗ rung Gefühl und Bewegung zeigt und hiedurch an die Thiere erinnert, dieſe drei Pflanzen ſchienen ihm gleich würdig, an der Spitze der Vegetabilien zu ſtehen. Das Alles aber ſollte ſich finden, wenn nur ein⸗ mal eine hinlängliche Menge von Pflanzen vor ihm liegen werde. als je und betheiligte ſich mit Aktien an allen botani⸗ ſchen Reiſevereinen, um auch in den Beſitz der aus⸗ ländiſchen Gewächſe zu kommen. Da nun Raphanus
Deßhalb ſammelte der Doktor eifriger
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weder Geld noch Mühe ſcheute, lag bald eine enorme
Maſſe von Pflanzen vor ihm aufgeſpeichert. Dieſe botaniſchen Schätze ſtanden jedoch nur in der Idee, in der Phantaſie des Beſitzers aufrecht, friſch und blühend vor ſeinen Augen, in Wirklichkeit aber dorrten ſie natürlich gequetſcht und farblos in grauem Löſch⸗ papier.
Einſt als unſer Doktor einen Augenblick von dem Vergleichen und Ordnen ruhte, denn die Phantaſie ließ ihn bisweilen im Stiche, und es gab dann ein ermü⸗ dendes Umlegen und Suchen, warf er einen troſtloſen Blick auf die in Papierbündeln ſchmachtende Pflanzen⸗
maſſe und gedachte, daß es nicht alſo ſollte ſein: wie
die Thiere und andere Naturalien, alſo ſollten auch
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die Pflanzen aufrecht in ihrer natürlichen Geſtalt und Farbe in den naturhiſtoriſchen Muſeen prangen. Eine Weile dachte der Gelehrte nach, dann rief er pathetiſch: „Ein großer Augenblick! Raphane, du wirſt eine gr
Erfindung machen. Deine Unſterblichkeit iſt geſichert.“
Sofort wandte ſich der Doktor ſchriftlich an den Materialiſten des Städtchens, ihm alle vorräthigen Firniſſe, Gummi, Lacke und Oele zu ſchicken und noch andere zu verſchreiben.„Es muß einen waſſerhellen, auflösbaren Stoff geben,“ dachte er,„der an der Luft erhärtet und eine in denſelben getauchte Pflanze her⸗ metiſch von der äußern Luft abſchließt und dieſelbe zu⸗ gleich in ihrer natürlichen Lage und Farbe erhält. Der Experimentator ſah ſchon im Geiſte weite Säle mit den herrlichſten Pflanzen aller Zonen prangen, denen nichts als das Leben und der Wohlgeruch fehlt. Die Sache hatte jedoch ihre Schwierigkeiten, denn die ſämmt⸗ lichen Stoffe, in welche er die Pflanzen tauchte, wa⸗ ren entweder für die Feuchtigkeit empfänglich oder ſie trübten ſich. Gleichwohl wurden die Verſuche fortge⸗ ſetzt, ſo viel Zeit und Geld ſie auch koſten mochten.
Zu gleicher Zeit beſchäftigte ſich Raphanus noch mit andern Problemen und Verſuchen. Er glaubte z. B. an die ſogenannte Urbildung oder Urzeugung, generatio spontanea, d. h., daß ſich aus der Erde, ohne Eier oder Samen, nur durch Gährung, durch die Wirkungen der Luft, Wärme und Feuchtigkeit Pflan⸗ zen und Thiere bilden könnten. Es wurde Erde aus bedeutender Tiefe heraufgeſchafft, ſorgfältig in Glas⸗ käſten abgeſperrt und nun das etwaige Aufkeimen von Pflanzen beobachtet.
Raphanus ſtellte ferner Unterſuchungen darüber an, warum gewiſſe Schlingpflanzen, wie Hopfen, Bohnen, Weiden und viele andere ſich ſtets nur von der Linken zur Rechten oder umgekehrt, nie aber in beiden Rich⸗ tungen um ihren Pfahl wickeln. Endlich befaßte ſich der Doktor auch angelegentlich mit der Frage, woher die ſogenannten magiſchen Ringe oder Hexenringe auf Waiden und in Wäldern entſtehen, weitere oder engere, von Pilzen oder Schwämmen gebildete Kreiſe, inner⸗ halb deren gewöhnlich kein Gras wächst, wenn daſſelbe auch außerhalb derſelben in üppiger Fülle gedeiht.
So gingen Jahre mit fruchtloſen Verſuchen hin, an die der Doktor Kraft und Geld verſchwendete, und zwar in einem Grade, daß ihm kaum noch der nöthige Reſt von dieſen beiden unentbehrlichen Dingen verblieb. Glücklicherweiſe waren ſeine Vorleſungen ſtark frequen⸗ tirt. Der originelle Mann, deſſen ſchmales, in den Wangen eingefallenes und blutloſes Geſicht in Lava⸗ ters Phyſiognomik eine eigene Schilderung verdient hätte, imponirte der ſtudirenden Jugend durch ſein Wiſſen. Wie den wiſſenſchaftlichen Namen und die Verwandlungsgeſchichte des kleinſten Inſekts, wußte er ſofort Namen und Eigenſchaften jeder ihm vorge⸗ zeigten Pflanze, und wenn es die unbedeutendſte Flechte war, anzugeben, was die Meiſten höher anſchlagen, als die gediegenſten phyſiologiſchen Kenntniſſe. Das Landvolk aber hielt den langen, hageren, ſehr einfach und altmodiſch gekleideten, Pflanzen ſuchenden Mann mit dem weiß gepuderten Perückchen und wackelnden Zopfe für einen Apotheker und Heilkünſtler, und da ſich der Doktor einmal auf einer Excurſion einer er⸗ ſchöpften Bäuerin, ein andermal eines verwundeten Holzhackers angenommen hatte, mußte er ſeit dieſer Zeit im Beſitze eines wunderkräftigen Spiritus und
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