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Die Entdeckung der Eſparſette oder die beiden Botaniker.
Ein naturhiſtoriſcher Scherz von C. K.
(Taf. 24.)
Die meiſten Leute haben noch heutzutage eine ge⸗ mehr, als wenn er im Herbar einer chönen Pflanze 7 heutzutag neh 53 3 flanz einen unſchönen oder, wie er ſagte, gar barbariſchen
ringe und ſonderbare Vorſtellung von der Beſchäftigung der Botaniker, die mit der Botaniſirtrommel und dem Spaten hinausziehen, Berg und Thal durchſtreifen, und am Abend müde und hunzgrig mit ihren Kräutern nach Hauſe kommen. Es ſind originelle Leute, Son⸗ derlinge, hört man ſagen, die ihre eigenen Wege gehen, durch Dick und Dünn waten, den lieben Gott einen frommen Mann und fünf gerade ſein laſſen, die den Raptus kriegen, wenn ihnen irgend eine gewiſſe Pflanze in den Weg kommt, und die vor Löſchpapier und Pflanzenpreſſen Monologe halten, von Hexandria und Dodekandria, Gymno⸗ und Angioſpermia, Fungi und Musci und andern gräulichen Dingen reden, daß einem guten Chriſten die Haut ſchaudern möchte. Harmloſe, ſchnurrige, aber für die Welt unnütze Käuze, die beſ⸗ ſer daran thäten, wenn ſie Wolle ſpännen. Wenn man noch gegenwärtig dergleichen über praktiſche Bota⸗ niker äußern hört, ſo iſt nicht zu verwundern, wenn vor ungefähr 100 Jahren Philipp Raphanus, wirk⸗ licher Profeſſor und Doktor der freien Künſte in S. dieſe Mißachtung erfuhr, und für einen Mann gehal⸗ ten wurde, mit dem es wohl nicht ganz richtig unter dem Hute ſein müſſe, oder der ſich überſtudirt habe, denn ein Mann, der ſo ſchöne Kenntniſſe beſitze, wie Dr. Raphanus, könnte wohl was Beſſeres thun, als ſolche Allotria treiben.„Mögen ſie witzeln über mich und meine göttliche Wiſſenſchaft,“ pflegte er zu ſagen, wenn ſich ein Bekannter eine kleine Spöttelei erlaubt hatte,„mögen ſie witzeln und in ihren kohlenſäure⸗ reichen Cafe's und Muſeen ſchwächliche Epigrammatas ſchmieden; ich habe durch die Botanik und den Auf⸗ enthalt in der ſauerſtoffreichen Atmoſphäre der Wäl⸗ der und Auen meine Geſundheit wieder erlangt, nach⸗ dem ich Jahre lang mit einer Reihe von Uebeln und mit Doktores und Apothekern behaftet geweſen. Die Botanik iſt die wahre Makrobiotik, die das menſch⸗ liche Leben verlängert, wie Sprengel, Fries, Hoppe, Linnäus(und Sternberg, Humboldt und Bonpland hätte der Doktor in unſerer Zeit hinzu ſetzen können), die wahre Methuſalems geworden, zeigen, und wie auch ich durch möglichſt ſpäten Hingang zu approbiren gedenke.“
Sobald in der Sanduhr, auf Doktor Raphanus Pulte das letzte Körnlein gefallen, wurde bei ſchönem Wetter das Collegium geſchloſſen und die botaniſche Wanderung angetreten. Er kannte die Standorte der meiſten Pflanzen der Umgegend, das jeweilige Stadium ihrer Entwicklung und ihre Blüthezeit, und welche Freude, wenn er eine neue entdeckte, die erſt mit Hilfe ſeiner botaniſchen Bücher beſtimmt werden mußte; welche Wonne aber, wenn irgend eine Pflanze, und wenn es auch nur ein Moos oder Riedgras war, in keiner Flora aufgeführt und der glückliche Entdecker, der ſofort die Taufe derſelben vollzog, im Geiſte ſei⸗ nen Namen auf ewige Zeiten in den Jahrbüchern der Wiſſenſchaft glänzen ſah!
Feierſtunden. 1863.
Linne'ſchen Namen beilegen ſollte. Er konnte ſich nie entſchließen, dieſe Namen auch nur auszuſprechen, wäh⸗ rend er andere, wie Parnassia, Euphrasia, Nym- phaea, Daphne und andere ſtets mit einer gewiſſen Weihe ausſprach. Er hielt es für ſeine Pflicht, dem beſſeren Geſchmacke der Wohlanſtändigkeit Rechnung zu tragen und den durch unpaſſende Bezeichnung mißhan⸗ delten Lieblingen neue Namen zu ſchöpfen. So nannte er das Läuſekraut(Pedicularis sylvatica) Waldſchön, die Hundszunge(Cynoglossum officinale) Blauauge, die Krätzblume(Scabiosa arvensis) das Wieſen⸗ körbchen.
Am wenigſten war Dr. Raphanus mit dem Linne⸗⸗ ſchen Syſteme zufrieden, und zwar aus einem Grunde, den auch die delikateſte und zartfühlendſte Leſerin nicht errathen wird. Er hatte zwar ganz eigene Anſichten über die naturhiſtoriſchen Syſteme und ergoß ſich bis⸗ weilen in donnernden Philippikas über die armen Na⸗ turforſcher und Syſtematiker.„Warum,“ konnte er ausrufen,„haben die Verfaſſer der Namenregiſter für gut gefunden, die Arten des Gänſefußes, des Ama⸗ ranths, des Erdbeerſpinats, die ſo nahe verwandt ſind, ſo weit zu trennen, auch denen verſchiedenen Grasarten, ſo nach der Einſicht jedes mit geſundem Menſchenver⸗ ſtand begabten Individuums nur eine natürliche Klaſſe ausmachen, in ſo verſchiedene Klaſſen zu vertheilen; hinwiederum aber die Birke an die Seite der Neſſel, das moosähnliche, im Sumpfwaſſer wuchernde Horn⸗ kraut an die Seite der mächtigen Eiche zu ſtellen, den niedrigen Geisklee zum hochſtämmigen Laburnenbaum, die natürlichſten Arten des heilſamen Baldrians in vier verſchiedene Klaſſen zu vertheilen. Eigenmächtige Thoren, die ihr verwegen genug waret, die Natur in eure kleinlichen Geſetze einzuzwängen! Die Natur wird ſie niemal als die ihrigen erkennen!“
Weniger haltbar waren die zoologiſchen Anſichten des Herrn Raphanus, in welcher Wiſſenſchaft er nicht ebenſo zu Hauſe war. Ein Profeſſor aber, und wenn es auch nur ein Titularprofeſſor wäre, muß Alles ver⸗ ſtehen und verſteht es auch, und hat das Recht, end⸗ giltig über Alles abzuſprechen. Die Naturkundigen
haben,“ zürnte Raphanus ferner,„an dem Körperbau
eine fliegende Maus? Nichts aber ſchmerzte ihn!
des Affen ſo große Aehnlichkeit mit dem der Menſchen gefunden, daß ſie ihm in der Reihe der Geſchöpfe den erſten Platz nach dem Menſchen einräumen zu müſſen glaubten; unterdeſſen aber laſſen ſie den klugen Ele⸗ phanten in der Geſellſchaft des Faulthiers, des Amei⸗ ſenbären und des Gürtelthiers einherlaufen, blos weil alle dieſe Thiere an beiden Kinnladen keine Vorder⸗ zähne haben. Mit welchem Rechte folgt die Fleder⸗ maus ſofort auf die Affen? Die Natur hat zwar ihre Zähne anders gebaut und ihr Zitzen an die Bruſt geſetzt, aber iſt ſie wohl deßhalb etwas anderes, als Der Colibri, der Schwärmer (Sphinx) und der Schweber ſtehen einander in der Na⸗ 47


