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eines blutſtillenden Pulvers ſein, und obgleich nicht Mediciner, wurde er von Patienten in ſeinem Studir⸗ zimmer aufgeſucht. War ihm das Uebel klar, ſo half er den Bittenden, indem er ihnen ſtatt eines Rezepts die Miſchung der geeigneten Mittel und, wenn ihm die Leute bedürftig ſchienen, wohl auch eine kleine Un⸗ terſtützung reichte. Bisweilen machte ſich Raphanus einen Spaß mit dieſen Leuten, wozu er vielleicht den Phosphor oder die Elektricität zu Hilfe nahm. Kein Wunder alſo, wenn er für einen Adepten und Thau⸗ maturgen gelten mußte. Das wäre nun Alles gut
geweſen, wenn es nur beſſer mit den ökonomiſchen
Verhältniſſen des Doktors ausgeſehen hätte, was ſich dieſer ſo ſehr als die geringen Erfolge ſeines wiſſen⸗ ſchaftlichen Strebens, für das er ſo große Opfer ge⸗ bracht hatte, zu Gemüthe zog. Der gute Mann war auf dem Punkte, mit ſich und der Welt zu zerfallen; er vermied den Umgang mit Menſchen und fing be⸗ reits an, vom Spiritus noch einen andern Gebrauch als zur Wiederbelebung halb verhungerter Landleute zu machen.
Es war zu dieſer für den Doktor betrübteſten Zeit, als ein Beſuch bei demſelben gemeldet wurde, der von entſcheidendem Einfluß auf ſeine Zukunft werden ſollte. Verdrießlich über die unwillkommene Störung trat der⸗ ſelbe in ſein Beſuchszimmer, wo dem Fremden die ſtets bereit gehaltene Taſſe Chokolade ſervirt wurde, er ſelbſt nahm jedoch ſtets ſeinen Kräuterthee. Dies⸗ mal aber war der Beſuch ein höchſt willkommener. Es war der ſeit Kurzem mit der Leitung des Finanz⸗ departements des Ländchens betraute Commerzienrath Friedrich, der den Jugendfreund und Studiengenoſſen wieder zu ſehen wünſchte.„Es iſt lange her, Phi⸗ lipp,“ ſagte der Herr Miniſter,„daß wir dieſe Ge⸗ gend nach ſeltenen Pflanzen durchſtreiften und Abends am Gaisblatt und Seifenkraute Schwärmer fingen. Die geringen botaniſchen Kenntniſſe, die ich mir da⸗
mals erwarb, kamen mir ſpäter als Landwirth wohl
zu ſtatten und waren nicht ohne Einfluß auf die Be⸗ förderungen, deren ich mich zu erfreuen hatte. Wie aber ſteht es mit dir, mein armer Freund? Wie ich mit Betrübniß höre, haben dir die Pflanzen nicht ebenſo reichliche Früchte getragen, denn dein Sinn war nie auf's Praktiſche gerichtet. Alle deine botaniſchen Syſteme taugen nicht, einen Hund aus dem Ofen zu locken. Der Wohlſtand unſeres Landes beruht weſent⸗ lich auf dem Ackerbau. Nun aber iſt der Brabanter⸗ klee dieſes Jahr faſt überall ausgeblieben und den Lucerneſamen müſſen wir aus Frankreich beziehen. Wer jetzt ein neues praktiſches Futterkraut erſter Güte wüßte, das im Großen angebaut werden könnte und mindeſtens 55 Procent nährende Stoffe enthielte, der wäre bei dem dermaligen Nothſtande der rechte Mann. Wenn Einer das könnte, ſo könnteſt es du, alter Kräuterkoſter, von dem die Sage geht, er habe durch Verſuche an ſich ſelber die Kräfte unſerer Arznei⸗ und Giftgewächſe erprobt, und dadurch ſeine Geſundheit gründlich untergraben, was aber wohl nur die Folge unnöthiger Anſtrengungen und Sorgen iſt. Um wie viel beſſer und praktiſcher wäre es, wenn du die Kräuter nicht als Gelehrter, ſondern, nimm mir's nicht übel, als ein Ochſe verkoſteteſt und die wohlſchmeckendſten und nahrhafteſten zu kultiviren verſuchteſt. Vorſchläge von deiner Seite würden bei deinem Rufe vor allen andern berückſichtigt. Wenn ſich der Herr Profeſſor
eine Direktorsſtelle.
entſchließen könnte, ſtatt der Experimente mit Ur- pflanzen und magiſchen Ringen, Verſuche in der be— zeichneten Richtung zu machen, ſo könnte ich ihm ſofort eine Staatsunterſtützung in Ausſicht ſtellen. Noch eins, mein Freund,“ ſchloß der Miniſter, ſich beur— laubend,„es wird beabſichtigt, eine landwirthſchaftliche Akademie zu errichten, und man ſieht ſich bereits nach einem Manne um, dem die Leitung mit Erfolg über⸗ geben werden könnte.“—
Dies hatte gewirkt. Der Doktor war durch die halb zugeſagte Staatsunterſtützung in ſo große Auf— regung geſetzt worden, als durch die Anſpielung auf Er gab die Verſicherung, daß es für ihn nur dieſes Winks bedürfe, ſeine ſchwachen Kräfte dem allgemeinen Wohle mit Freude und Eifer zu widmen, und er glaube ſich ſchmeicheln zu dürfen, daß ſeine Bemühungen nicht ganz ohne ein entſprechen⸗ des Reſultat bleiben würden.
Die Ausflüge und Unterſuchungen des Doktors Raphanus gewannen von dieſem Tage an einen andern Charakter. Er ſammelte vorzüglich die in der Um— gegend wildwachſenden Gräſer und Kräuter, denen er einen bedeutenden Gehalt an Eiweiß, Gallerte, Stärk⸗ mehl oder Zucker zutraute und unterſuchte ſie chemiſch auf dieſe Stoffe; andere nur botaniſch intereſſante Pflanzen ſammelte er nur noch aus Gewohnheit und zur Ausſchmückung ſeines Studirzimmers.
Ein Jährlein ging ſo vorüber. Die zugeſagten Gelder waren eingetroffen und zur Befriedigung der dringenden Gläubiger verwendet worden, ohne daß jedoch irgend eine neue Kulturpflanze aufgefunden oder irgend eine andere landwirthſchaftliche Entdeckung ge⸗ macht worden wäre. Er fing an, für ſeinen ehrlichen Namen beſorgt zu werden und zu fürchten, als Reſul— tat aller ſeiner Mühen zum Geſpötte der Welt zu werden.
An einem Sommertage, deſſen Laſt und Hitze er getragen hatte, ſetzte er ſich auf dem Stumpfe eines abgehauenen Baumes nieder und erging ſich in hoff⸗ nungsloſen Betrachtungen. Er befand ſich auf einer üppigen, faſt ringsum vom Walde umgebenen Aue, der ſchönſten, aber nur dem herrſchaftlichen Wilde zu⸗ gänglichen Weide, die man ſich denken kann, und hier, im Schooße der Natur, machte ſich das gepreßte Herz, das er in den Schooß keines Sterblichen ausſchütten konnte, in folgender Ergießung Luft.„Wie manch⸗ faltig,“ begann er,„iſt hier der grüne würzige Tep⸗ pich, mit den bewundernswürdigen Erfindungen der Natur durchwirkt. Jedes Gewächs hat ſeinen Zweck und ſeine Kräfte, und was ich vergeblich ſuche, ſproßt vielleicht in Menge vor meinen Augen oder es beugt ſich unter meinem Tritte. Ach, daß ich es zu finden wüßte! Da rauſchte es um ihn in den Wipfeln und im Schilfe des nahen Weihers, und es ward ihm ganz eigen zu Muthe. Er nahm den Hut ab und ſteckte ihn auf ſeinen Stab. Die Noth hatte ihn zur An⸗ dacht getrieben, mit welcher bei einem großen Geiſte ſtets einiger Aberglaube verbunden iſt.„Wenn es euch ver⸗ gönnt iſt,“ rief er aus,„ſelige Geiſter, auf dieſe Erde herabzuſchauen, die vollkommen und ſchön aus den Händen des Schöpfers hervorging, durch die Menſchen aber zum Jammerthale wurde, ſo gebt mir, einem bedrängten Sterblichen, den weder eitles Verlangen noch Fürwitz treibt, ein hilfreiches Zeichen. Von dreien Pflanzen, die ich ſammle, ſei eine zur Linderung der
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