Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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ausbrechenden Jamgger, wie es wohl andere Töchter thun. Das Zauberpulver ſtand vor ihren Geſichten und machte den Schmerz ihrer Herzen nur deſto äzen⸗ der. Er, der ihnen als der Gewältiger höherer Mächte ſtets vorgeſchwebt war, hatte jenen Geiſtern nun unter⸗ liegen müſſen, und auch ihnen, die in jugendlicher Kraft um ſeinen Sarg ſtanden, ihnen drohte unaus⸗ weichlich das gleiche Schickſal, der ſchaurige Tod, ſtets nah und näher, und ſie fanden kein Mittel, ihm zu entgehen. Von dem Pulver durften ſie nicht laſſen, und ſein Gebrauch war der Tod. Die kleinen Leute, die im Untersberge und in dem Kloſter Ettal geheim⸗ nißvoll lebten und wirkten, ließen ihre Beute nicht fahren, deß waren ſie gewiß. Von dieſen ſchmerzlichen Gefühlen umhergezerrt, war der menſchliche Kummer um den Verluſt des Vaters nicht zu klarem Bewußt⸗ ſein gekommen und ward zur dumpfen Betäubung.

Die Leiche war beſtattet, das Hausweſen war wie⸗ der geordnet, und Alles ging wieder den gewohnten Weg, als die Mädchen wieder auf ihre Alm zu gehen begehrten. Auch Franz ward von ſeiner Pflicht abge⸗ rufen. Thereſe hing leichenblaß an ſeiner Bruſt, bis er unwirrſch ſie von ſich wegſchob.Laßt mich aus, ihr Dirnen, rief er, es iſt mir, als ſollt' ich all' mein Leben lang kein Mädel mehr ſehen, das glaubt mir. Apollonia warf einen nachtdüſtern Blick auf ihren Verlobten, doch es war, als zuckte ein rother Blitz aus einem abziehenden Gewitter durch ihn hin. Mag leicht ſein, wie du es wünſcheſt! grollte es tief aus ihrer Bruſt, ‚komm Schweſter Theres!! Der Franz hatte indeß ſein Schießzeug genommen, er hob mich an ſeine Bruſt empor und ging mit weiten Schritten hinweg. Auch die Mädchen hatten noch einige Kleinigkeiten zuſammen gerafft, ſie nahmen kurzen Ab⸗ ſchied von mir, dem harmloſen Kinde, und ſtiegen über den Eichenkopf hinauf.

Unter dem Fenſter, welches über den See ſchaut, blickte ich ihnen nach, und fühlte mich ſo allein, ſo bang, daß ich altes Weib noch mit Grauen an dieſen Kinderſchmerz zurück denke. Der See warf ſchwarze, unheimliche Wellen gegen die Felswände, die drohend aus ihm ſich erhoben. Sie erbarmen ſich der Waſſer und ihrer armen Fiſchlein nicht, klagte ich in der lee ren, hohl wiederhallenden Stube; und ſo wie ſolchem armen ſilbernen Fiſchlein, ganz allein, ſo iſt's auch wohl mir. Die Sonne ſank tiefer gegen den See, als eine alte Baſe aus der Nachbarſchaft, die Mitleid mit dem verwaisten Kinde hatte, zu mir eintrat. Was ſchaffſt, armes Haſcherl!' frug ſie weich, und ich drückte mich zitternd an das einzige Herz, das für mich fühlte. Sie zog ein Backwerk aus der Taſche und bot es mir; ‚du wirſt hungern? frug ſie und ja, es war ſo, denn, wer hätte mir wohl etwas geben ſollen, da die, welche ich hätte mein nennen dürfen, mich verlaſſen hatten, da ſchaurige Sorgen ſie ganz umnachteten. ‚Dacht' ich es doch, fuhr die alte Cres⸗ cenz mit wehmüthigem Lächeln fort, ‚die Andern ſchmauſen mit den Ettaler Manneln im alten Kloſter, oder im Untersberge, und denken nicht daran, daß du, arme Unſchuld, noch Speiſen brauchſt wie ehrliche Menſchenkinder, und gottlob noch nicht an den zaube⸗ riſchen Hidrach gewohnt biſt.

Ich kannte all' die Herrſchaften nicht, von denen die Baſe ſprach, und verlangte begreiflich Belehrung von ihr. ‚Schau, ſprach ſie mit bedenklichem Kopf⸗

ſchütteln, von den Ettaler Männlein kann ich dir g. rade nicht allzu viel ſagen, denn Alles, was ich vo ihnen weiß, habe ich mir ſelbſt erzählen laſſen. Es ſind Kloſterherren geweſen, die vielleicht nicht allzu fromm gelebt haben. Beſonders aber haben ſie gern gejägdelt, und gern rothen Tyroler Wein getrunken, den ſie über die Gränze gepaſcht haben. Doch ich denk' meinte die Baſe Crescenz dies ſei noch wohl nicht das Schlimmſte geweſen, denn im Nonnenkloſter nebenan haben ſie regelmäßig mit den Frauen zu Nacht gegeſſen und gelacht dabei, daß man es bis nach Bar⸗ tholomä hinab gehört hat. Unter ihnen lebte ein jun⸗ ger Mönch, der nicht mit zu ihren Leichtfertigkeiten hielt, ſondern ſtreng nach der Regel ſich richtete, und die gottloſen Brüder oft und eindringlich ermahnte. Er erlangte zwar nichts damit, als den immer bitte⸗ reren Haß der übrigen Brüder, doch ließ er ſich nicht von ſeiner Frömmigkeit abbringen, bis der Heilige des Kloſters ihm mehrere Male in der Nacht erſchien und ihm befahl, das unchriſtliche Weſen ſeiner Brüder dem Biſchofe anzuzeigen, wenn er nächſtens das Kloſter in⸗ ſpiciren werde. In der nächſten Nacht aber fand man den frommen Bruder in ſeiner Zelle erſchlagen. Die⸗ ſer boshafte Mord empörte das Herz des gerechten Biſchofes, und er befahl, eine ſtrenge Unterſuchung gegen die Brüder einzuleiten, als in der nächſten Nacht ein ſchweres Wetter über Kloſter Ettal heraufzog, daß die ganze Gegend vor Graun und Angſt erbebte. Als nun der Morgen kam, war das Kloſter ſammt ſeinen Bewohnern verſunken bis auf das Gemäuer der Kirche und den heiligen Altar, deſſen ſchaurige Ruinen noch heute zu dieſer Stunde aus dem Graus der Verwüſtung aufragen. Naht aber ein hohes Kirchenfeſt und kommt zu mitternächtiger Stunde ein verirrter Menſch in jene Gegend, ſo ſieht er den Zug der ſpukhaften Mönche durch das alte Mauerwerk ſchleichen, und dreimal den einſt von ihnen entweihten Altar umſchweben.

Wer ſind aber die andern Herren, von denen die Baſe Crescenz zu Euch ſprach? frug ich die Alte, habt Ihr die genauer gekannt, wie die Ettaler Mönche, von denen Ihr nur habt erzählen hören?

Allerdings! antwortete ſie,die habe ich ſelbſt geſehen und mit ihnen geredet. Mein Vater hatte einen hübſchen Viehſtand in dem Häuschen, von dem ich Euch erzählt habe, und dabei auch ein halb Dutzend feine ſpaniſche Schafe, auf die ſich einmal ein Geyer geworfen hat, daß ſie in wilder Flucht verſprengt ſind, wie es. die Schafe gern thun. Dann habe ich ſie ſuchen müſſen, im Eisbach hinauf bis über die Eiskapell, wo die wildeſten Schroffen ſich heben, über die zuletzt der hohe Watzmann wie ein Geſpenſt hereinſieht, und habe ich dennoch ein Stück durchaus nicht finden können, bis gar die Nacht herabgeſunken iſt. Im Freien und auf der Firn, da ſchien der Mond; aber wie ich durch den Wald herabgegangen bin, da war es ſo dunkel, wie in einem ſchwarzen Sack, ſo daß die hohen Spitzen und Hörner gar weiß und geiſterhaft dagegen herab⸗ geſehen haben, und noch höher hinauf die einzelnen glitzernden Sternlein über der ſchwarzen, dunkeln Erde bis hinab in die unergründeten Schluchten, durch die die zornigen Bäche und Wildwaſſer im Dunkeln herab⸗ toſen. Da iſt mir der Weg gar lang geworden, und ich war froh, wie ich das kleine Kirchlein zu St. Johann und Paul am Wege geſehen habe; da, wo der Steg über den Eisbach geht, da hat der Steg und das