Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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in einem Heuſtadel über Nacht geblieben, daß wir mit dem erſten Sonnenlicht ſchon an der Schneegränze ſein konnten, wo die beſten und kräftigſten Wurzeln gefun⸗

den werden. Und wie wir ſo durch die Laatſchen

ſchlüpfen, da ſah ich, auf zehn Schritte, plötzlich den

Gemskönig vor mir, und drücke mich ſogleich leiſe zu⸗

rück, ſo daß der Bock nichts von mir bemerkt hat.

Die Theres war indeß einen Grashang hinab geglit⸗

ten, wo ſie ſchon weit fort war, ehe das Thier von uns Wind gehabt hat. Es ſah freilich aus, als trüg'

er drei Stangen auf dem Kopf, ich hatte aber genau

geſehen, daß ein Horn, wohl von einem Sturze, ge⸗

ſplittert war, und deßhalb ſo ein ſonderliches Anſehen

hatte.

Nun eilte ich, ſo ſehr ich konnte, mit der Schwe⸗ ſter zuſammen zu kommen, die vor Schrecken leichen blaß ward, als ich ihr erzählte, was ich geſehen. Sie flog bergabp, um dem Bruder die Kunde zu bringen, daß der Gemskönig in ſeinem Revier ſtehe, und wo er ſich gedrückt. Der aber vernahm die Nachricht mit Zorn und Schrecken. Er war noch viel zu matt, um den Marſch auf den Watzmann ausdauern zu können, und der Vater war nur zu Hauſe geblieben, um eine böſe Wunde, die er beim Fall über einen Eisklotz ſich geſchlagen, verharrſchen zu laſſen. Wohl war der Bruder zornig, da der hochwürdige Abt, der eine ganze Sammlung von allerlei beſondern Geweihen hatte, einen Doppeldukaten dem Schützen verſprochen hatte, der ihm dieſe Seltenheit bringe doch noch weit zor⸗ niger war der Vater; ein Anderer wie er oder ſein Sohn durfte den Gemskönig unter keinen Umſtänden erlegen, das ſtand ihm feſt. Wohl eine Stunde ſchien er ſtumm mit ſich zu kämpfen, dann ſetzte er ſich zum Franzl, der auf der Bank vor der Thür zu den Bergen hinauf ſah.Du biſt zu matt, um bürſchen zu gehen begann er grollend,die Trude hat dich zu feſt gefaßt; aber du haſt ſchon geſehen, daß ich von ihren Kunſtſtücken mehr verſtehe, wie ſie ſelbſt. Mit dem gleichen weißen Pulver und Speck berei tete er wieder einige winzige Portionen, die Franz ver⸗ ſchlucken mußte; dann trieb der Vater, daß er ſofort zum Berge hinauf ſtieg.Du wirſt weit kräftiger jetzt über die Firn ſteigen, verſprach er ſeinem Sohne, und frei und leicht wird deine Bruſt ſich heben; aber nicht mehr ablaſſen darfſt du von dieſem Zaubermittel; thuſt du es doch, ſo mußt du ſterben!Gib mir auch davon, forderte Thereſe;unmöglich findet er den Wechſel, auf dem der Bock ſteht, wenn ich nicht dabei bin! Auch ſie empfing eine Portion, und mich überlief ein kalter Schauer, als ich ſah, wie ſie das unheimliche Mittel verſchluckten. Auch in den Augen meiner beiden Geſchwiſter glaubte ich ein tiefes Graun zu leſen. Doch zu weit waren ſie ſchon ge gangen; Beide nahmen ihr Geräth, und mit nie ge⸗ ſehener Haſt ſtiegen ſie den Berg hinan. Lange ſah ich ihnen nach; und ein tiefes, unerklärliches Mitleid preßte mein kleines Herz, als ſie meinen Blicken ent⸗ ſchwunden waren.. 7

Der Vater hatte nicht zu viel verſprochen. Leicht, wie Vögel, hob eine wunderſame Kraft ſie über die ſteilſten Haͤngs; wie von Stahlfedern gehoben ſchienen die Glieder die Laſt des Körpers zu tragen, und ohne jede Anſtrengung trieben die Lungen das Blut durch das Herz. Wie gewöhnlich hatte der gewaltige Bock ſeinen Stand nicht verlaſſen, und auch hier, vom

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ihr verwegenes Thun. ging ſie aus, ſondern Franz ſtand vor, und ſie trieb

Glücke begünſtigt, fehlte Franzens Kugel nicht. Am andern Morgen holte er den verheißenen Preis vom Fürſtabt zu Bartholomä.(Siehe Bild S. 356.) Nun ſchienen ſie den finſtern Mächten unrettbar verfallen. Thereſe mochte nur mit Widerwillen den häuslichen Arbeiten ſich unterziehen, und wie Vater und Bruder war ſie am liebſten im Hochgebirge. Da iſts mir halt ‚lüftig', rief ſie; doch nicht von der reinen Bergluft kam ihr Wohlbehagen, ſondern von dem Zauberpulver, welches ſie in ſtets größeren Portionen nahm. Wohl warnte der Vater ſie, doch ſie berief ſich auf ihre junge, ſtarke Natur, und verdoppelte nur Nicht um Enzian zu ſammeln

ihm auf den ſchwindelnden Riegeln das Wild zu.

Die Alte ſchwieg hier plötzlich, und ein tiefes Schauern ſchien den morſchen Leib bis in's Innere zu erſchüttern, wie ſie mit ſcheuem Blicke den verſteinten Bruder lange maß. Ein langſames, ſtummes Kopf⸗ ſchütteln folgte dieſem unheimlichen Blicke, den der Bewegungsloſe gleichfalls ohne Beachtung ließ. Ich bat ſie jetzt, in ihrer Erzählung fortzufahren, welches ſie mit tiefem Seufzen that.

Mein Bruder hatte trotz der fatalen Krankheit ſeine Beſuche auf der Alm bei ſeiner Apollonia nicht aufgegeben, bis er deutlich erkannte, daß das Mädchen, die ihn oft bis zum See hinab begleitete, von derſel⸗ bigen Zauberkrankheit befallen war. Ihre blühenden Wangen erblaßten zu einem fatalen Bleigrau, ihre elaſtiſche Kraft war dahin, und je den zweiten Tag befiel ſie das unwiderſtehliche, grauſige Frieren. Franz hatte ſeinem Mädchen begreiflich von ſeiner Krankheit öfter erzählt, und wie ſein Vater ihn davon geheilt habe.Schau, du weißt es ſelber, rief er zuletzt, wie mein Vater mich das ‚Lüftigmachen' gelehrt hat. Ich bin von Tag zu Tag minder geworden, wie der Schatten zu St. Martins⸗Tag, und lang hätte's wohl nicht gewährt, ſo hätte das Fieber mich gar erwürgt.

Das Mädchen hörte nicht ohne Grauen von der unnatürlichen Krankheit, der ſie anheimgefallen, und von der zaubergewaltigen Kur derſelben. Wohl fürch⸗ tete ſie eine ſolche Heilung, doch mehr und mehr trieb das Verfallen ihrer Körperſchöne die Eitle, das Wag⸗ ſtück zu beſtehen. Auch Franz drängte ſie dazu; er

konnte nicht mehr mit dem ſchönſten Mädchen rings

um den See prangen, da ſeine Geliebte täglich mehr verfiel, und die Neckereien der Burſche immer empfind⸗ licher wurden. Und nicht blos ihre Geſtalt, auch ihre Sittlichkeit erlitt bittere hämiſche Verdächtigungen, bis der Franz auf's Aeußerſte gebracht war, und in einer wilden Rauferei ſeinen Gegner lebensgefährlich verletzte. Er ſtarb zwar nicht, aber das Gericht nahm die Sache zur Hand, und eine längere Kerkerhaft war die begreif⸗ liche Folge. Da war der armen Apollonia ihr Wider⸗ ſtreben gebrochen. Sie ſah, wie die Thereſe ſtets ſchö⸗ ner erblühte und ihre Körperkraft immer gewaltiger ſich hob; da konnte ſie kaum das Ende von Franzens Arreſt erwarten, und wie er entlaſſen war, und wie⸗ der zu ihr auf die Alm kam, ſtürzte ſie ihm zitternd entgegen.Heile mein böſes Fieber, rief ſie zwiſchen

Angſt und Zorn,und mach mich ‚lüftig' wie dein'

Schweſter, ich will Alles thun, was du begehrſt! Schon am nächſten Abend brachte er ihr das heilloſe

Pulver, und mit wahrer Begier nahm ſie das tödtliche