Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
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uns in die Nacht eines infernalen Tunnels zu ver⸗ ſenken.

Dennoch will ich meinen lieben Leſern ein Ergeb⸗ niß vorzutragen verſuchen, welches mir auf der Eiſen⸗

bahn, und zwar in der am mindeſten poetiſchen Ge⸗ gend des ganzen dereinſtigen deutſchen Reichs, der Lüne⸗

burger Haide, begegnet iſt. Sogar die Lokomotive ſcheint beim Durchbrauſen dieſer endloſen, braunen

Flächen Langeweile zu ſpüren und dreht ſich mit ver⸗

doppelter Schnelle, und ſo war es ganz erklärlich, wie

dem Zuge ein kleiner Unfall zuſtieß, der ihn nöthigte,

mittelſt des Telegraphen von der nächſten größeren Station Abhilfe zu verlangen.

und ließ über eine Stunde auf ſich warten. Wir be⸗ trachteten in voller Muße die Riſpen der kleinen duf⸗ tigen Roſaglöckchen und die Heerde der braunen Haid⸗ ſchnucken, die ſich gegen den einfachen, mit Haidraſen gedeckten Schuppen drängten, welcher ſie gegen ein her⸗ aufziehendes Spätgewitter ſchützen ſollte, da die Thiere durchaus keinen Regen vertragen. Die Luft war vor der Wetterveränderung äußerſt klar und durchſichtig, ſo daß man in der Entfernung von etwa vierundzwan⸗ zig Stunden deutlich den Brocken mit ſeinem Thurme erkannte. Die Bahnwärterhäuschen ſind nicht auf Gaſtlichkeit berechnet und der Aufenthalt in ihnen nichts weniger als einladend; aber in der Entfernung von etwa einer Viertelſtunde war ein Chauſſeehaus der alten guten Zeit ſtehen geblieben, in dem eine Art Reſtau⸗ ration angeſiedelt war. ges dachten dem heranziehenden Regen im Waggon zu trotzen; eine junge Dame aber und ich zogen es vor, dort Unterkunft zu ſuchen.

Ich bin neugierig, begann ſie unterwegs,ob der ſteinerne Alte vom vorigen Jahre wohl noch dort ſitzt.

Wie ſo?

Als ich im vorigen Jahre hier mit Pferden durch⸗

fuhr, fand ich dort einen Greis, der ſtarr und unbe⸗ weglich nach dem Brocken hinüber ſah mit einem ſo unheimlichen Weſen, daß er einen unauslöſchlichen Ein⸗ druck bei mir hinterließ. Sehen Sie, wahrhaftig, dort am Nordfenſter ſitzt er noch wie verzaubert! Wenn wir nur bald weiter kommen!

Das Dämchen hatte wirklich nicht Unrecht gehabt. An dem gegen den Harz und Braunſchweig gerichteten Fenſter ſaß ein alter Mann, in eine rauhe Bergjuppe mit verſchoſſenem grünem Kragen gewickelt, und ſah mit erſtorbenem Auge unbeweglich vor ſich hin. Es

war nicht das theilnahmloſe Hinſtieren, welches von

einem Erlöſchen der Hirnthätigkeit zeugte; nein, es war ein Verſunkenſein in ein tiefes, faſt ſchauriges Träu⸗ men, aus dem die Seele ſich nicht zu ermuntern ver mag. Gegen den Alten über ſitzend, zog er wider⸗ ſtandslos mein Auge auf ſich, doch kein Gegenblick zeigte mir, daß er es bemerke oder im Mindeſten beachte. Das Gewitter brach in dröhnenden Schlägen los; ein Blitz, der die ganze Haide mit blauem Glaſe übergoß und im nächſten Dorfe zündend eingeſchlagen hatte, erſchreckte Alles, was im Hauſe war, bis zu lautem Aufſchrei der Greis am Fenſter zuckte nicht mit der Wimper! Die ganze Außenwelt war für ihn nicht vor⸗ handen..

Endlich brauste die erlöſende Lokomotive daher, doch, bis zum nächſten Städtchen waren es noch fünf

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Doch, ſo ſchuell ſeine Blitze auch zuckten, die Ausführung ging weniger ſchnell

Die andern Inſaſſen des Zu-

Stunden Fahrt, und gerne ließ ich den Zug davon eilen, da mir ein Giebelſtübchen mit einladender Rein⸗ lichkeit für die Nacht geboten ward, die rabendunkel ſich herabſenkte, und durch die die Lohe des vom Blitz angezündeten Strohdaches maleriſch flammte. Auch der Alte war in meiner Reſignation auf die Nachtfahrt mit erwogen: ich hoffte von dieſer ſo auffallenden Erſchei⸗ nung irgend etwas Intereſſantes zu erfahren, und konnte nicht glauben, daß eine ſo ungewöhnliche Geſtalt ohne beſondere Urſache hier an das Fenſter unwandel⸗ bar hingeſetzt wäre. Die Funkenſäule der Maſchine verſchwand in der Haidfläche, und lautloſe Stille lag auf dem einſamen Hauſe; die drei Männer, welche es bewohnten, hatten es verlaſſen; der Eine war zu der Feuersbrunſt geeilt, um dort zu helfen, die beiden

Andern ſahen bei den zerſtreuten Schafen nach, und

nur eine geſchäftige alte Großmutter ſammt der fleißig

ſtrickenden Hausfrau, ein Säugling, der räthſelhafte Greis und ich waren zurückgeblieben. Ein kräftiger Kaffee mit duftigem Haidhonig und appetitlicher Butter war das Abendbrod, nach welchem eine gute Cigarre ſehr behagte. Der Alte hatte ein Stückchen trockenes Brod aus der Hand der Großmutter, die es ihm zwi⸗ ſchen die dürren Finger ſteckte, genommen; ich ſah aber nicht, daß er es. Auch der eigenſte Trieb, der Hunger, ſchien beinahe bei ihm erloſchen zu ſein; wenigſtens ein Freuen auf ſeine Befriedigung, die auch der Blödſinnigſte kundgibt, war hier nicht vorhanden. Und doch ſah ich klar, dieſer alte Menſch war kein Idiot; ja, zuweilen blitzte ein Strahl von Intelligenz aus den Augen und zuckte über die hohe Stirne.

Die alte Frau ſetzte ſich an das ſchnurrende Spinn⸗ rad, und ein langer, mitleidiger Blick fiel auf den Alten hinüber, ehe ſie in den ſilbergrauen Flachs griff.

Kennt Ihr ihn, Grootmöer? frug ich ſie. Sie ſah mich lange wehmüthig an, dann antwortete ſie mir in ſchwer verſtändlichem Plattdeutſch:Ich werde wohl meinen Bruder kennen!

Ich gebrauchte blos der Frau die Verſicherung zu geben, daß es nicht müſſige Neugier ſei, welches mich bewog, nach dem Alten zu forſchen, als ſie ſich gern bereit zeigte, mir das zu erzählen, was ſieihr Un glück nannte. Was ſie jetzt eintönig ſagte, war nicht gut zu verſtehen; es war das weiche, aber dem Süd⸗ deutſchen völlig fremde Plattdeutſche, welches durch Klaus Groth und Bornemann mit all' ſeiner Schön⸗ heit nach und nach dem Bücherdeutſchen näher gebracht wird, in dem man aber nicht im Stande iſt, eine Er⸗ zählung vorzutragen.

Wo der Watzmann herunter ſchaut auf den ſchö⸗ nen See und in die hehren Berge, die ſich um ihn lagern, da ſtand, wie ich noch ein kleines Kind war ſo begann die alte Frau,ein zierliches Häus⸗ chen; wohl nicht groß, aber außen und innen reinlich und gar wohnlich, ſo daß Jeder, der vorüber ging, verſucht war, dort einzukehren, und aus den klaren Fenſtern die liebliche Landſchaft raſtend zu betrachten, und die ſilbernen Firnen und drunter die grünſamm⸗ tigen Matten mit dem behäbigen waidenden Vieh. Dort wohnte mein Großvater, der das Gütchen ſchon von ſeinem Ahnherrn herab ererbt hatte. Er war Wald⸗ und Wildhüter rings um den ſchönen Berg und hatte gar genau Acht zu geben, was unten, wo der Wald ſchattet, vorgegangen iſt; aber noch ſchärfer hat er oben, wo die Gemſen einſam graſen, das Monkey.

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