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und langt ſeinen Dreiſpitz vom Nagel.„Jetzt alſo, Kinder, wöllt mir ſpazieren laufen durch d'Stadt,“ ſagt er, und nimmt'sMargetle rechts und den kleinen Tobiesle an die linke.
Vor jedem Laden wird Halt gemacht; am aufmerk⸗ ſamſten werden die Leckerbiſſen der Zuckerbäcker betrach⸗ tet.„Das muß einmal gut ſein,“ ſagt das Mar⸗ getle,“„das will i glauben,“ antwortet der Tobiesle. Die blendenden Ausſtellungen der Bijoutiers erklärt Andres für Augenverblendung, das ſei nicht Alles Na⸗ tur, ſondern vergoldets Pech und ein Schein von den Spiegeln, da ſieht man ein Stück ein mal zehne. Jetzt ſieht der Tobies den rieſigen Schaukaſten eines Photo⸗ graphen.„Da kommet her, da hat's lauter Mäntla und Köpfla!“ ruft er, und ſtoßt die Naſe an eine Scheibe, welche die Größe eines Scheuernthors hat. Die dicke Scheibe hält den Stoß aus, aber s'Tobiesle's Nas iſt zerquetſcht und fängt an zu bluten.„Du dip⸗ peligs Schaf!“ ſchreit der Andres,„ſiehſt's denn net glänzen! So eine Scheibe koſt't mehr als ein mannigs Paar Ochſen, das merk dir, du Gſchwelle!“
Im Schloßgarten werden beſonders die Teiche mit ihrem Geflügel und die aufrauſchende Fontaine bewun⸗ dert.„Jetzt Vater, ſag',“ fragt der Tobies,„wie kommt's, daß da'sWaſſer in d'Höh fahrt?“„Grad denk ich ihm nach dem Ding, ich denk wohl, es wird mir noch einfallen.“ Der Anblick bewegter Waſſer, das gleichförmige Strömen, Fallen und Steigen übt einen eigenthümlichen Zauber; ſelbſtvergeſſen ſteht der Betrachter und das Plätſchern und Rauſchen iſt das wirkſamſte Schlummerlied: der Andres fängt an kräf⸗ tig zu gähnen und der Tobiesle ſchläfrig zu nicken. So ſtehen ſie lange, die drei, bis das ſcharfe Geſchrei wilder Enten ſie aufſchreckt.„Meiner Seel,“ ſagt der Andres,„da wird man ganz duſelig. G'wißt hab ich's einmal, aber's will mir grad jetzt nicht einfallen.“ Da ſegeln mit gehobenen Flügeln zwei ſtolze Schwa⸗ nen daher.„Sind's Gänſe?“ fragt der Bub,„dum⸗ mer Bub,“ ſagt der Vater,„wenn ſie ſo groß ſind, dann heißt man ſie Schwanen.“„Iſt's ein Pärchen,“ fragt das Margretle,„und welches iſt's Männchen?“ „Da haſt du mich z'viel g'fragt,“ geſteht der Andres, „möcht's wohl ſelber wiſſen,“ und fragt den in der Nähe beſchäftigten Gärtner.„Das iſt leicht,“ ant⸗ wortet dieſer.„Ihr nehmet ein Stückchen Brod, ſtreuet Salz drauf und werfet's genau zwiſchen beide; frißt's dann er, ſo iſt's das Männchen, frißt's aber ſie, ſo iſt's ſicher das Weibchen.“„Ich mein',“ ſagt der And⸗ res drauf zu dem Gärtner,„das Salz wäre bei dem Herrn ſelber noch beſſer ang'legt und s'Stückle Brod vielleicht auch. Zum Beſten kann man mich haben, aber ſo dumm bin ich net, daß ich's nicht merk'!“
Nun gehen die drei weiter an geputzten Damen vorüber mit ſchaukelnden Reifröcken und lächerlich hohen Hüten voll grellfarbigen Blumen.„Wandelnde Glocken mit zwei Schlegeln,“ bemerkt ſpöttiſch der Andres. „Es wär' beſſer, die Uebelſichtig trüg' Immergrün auf dem Kopfe, und ihr’' Mutter, wenn ſie's iſt, einen Altenweiberſtrauß ſtatt den Roſen. Ein wüſtes G'ſicht iſt neben Blumen ja noch zweimal ſo wüſt.“
Vergnügt ſchaut der Andres um ſich.„Da gyfällt mir's; der Boden iſt ſo glatt wie in den Stuben, da laufen wir noch weiter ſpazieren. Da wird er die et⸗ was ſeitwärts im Gebüſche ſtehende, erſt vor Kurzem
iſt mir ſchier ein wenig z'rund,“ meint er, z'natürlich. gleich nach.“
„Vater, du wirſt doch net...“ ſagt drauf das Margetle.„Ha, bleibet nur da,“ ſagt der Vater jetzt näher kommend,„sMargretle iſt ja ſelber ein Weibs⸗ bild, und was weißt der Tobiesle.“ Potz Höllewelt,“ ruft das Margetle;„jetzt ſchaut!“ ruft der Bub aus, „was ſoll au des ſein?“ So ſtehen ſie mit offenem Munde, er, ſie und es, nämlich das Büblein, dann erklärt liſtig der Vater:„das iſt eineé verwunſchene Prinzeß, die trug einſt gar hoffärtige Kleider; da iſt ſie von ihren lumpigen Unterthanen verwünſcht wor⸗ den in dia Statua und muß jetzt halb nacket ſo ſtehen auf ewige Zeiten, bis daß ſie erlöst wird.“„Wie kann denn die erlöst werden?“ fragt'sMädle verwun⸗ dert.„Wenn'sſchönſt' Mädle grad ſo do nauf ſteht und regt ſich kein Bisle drei Stund lang.“ Betrübt ſagt'sMargetle:„'sſchönſt' Mädle wär' i grad net, aber ſie dauert mich; ſo groß und ſauber g'wachſen und vornehm, wenn ſie nur auch eine beſſere Farb' hätt'!“
„Ja, ja,“ ſagt der Vater,„ſie hat ſo weit ein ang'nehmes Aeußeres, aber...“„Lieber Freund,“ lispelt ihm plötzlich ein hinter ihn getretener Herr mit weinerlicher Stimme in's Ohr,„wie möget Ihr Euch mit Euren Kindern vor dieſe heilloſe, üppige Bildſäule ſtellen, die noch von dem teufeliſchen Götzendienſt der alten Heiden herſtammt und jetzt nach Jahrtauſenden Böſes noch ſtiftet! Wenn der Teufel in der Geſtalt eines brüllenden Löwen einhergeht und uns zu ver⸗ ſchlingen ſucht, iſt er weit nicht ſo gefährlich, als wenn er in ſolch' einnehmenden Geſtalten wie dieſe uns winkt und Augenluſt, Fleiſchesluſt und hoffärtiges Leben ver⸗ heißet! Fleuch vor der Sünde wie vor einer Schlange, denn wo du ihr zu nahe kommſt, ſo ſticht ſie dich!“
Einen Augenblick betrachtet Andres die bleichen,
„und Geht nun weiter, ihr zwei, ich komm'
ſchlaffen Geſichtszüge des Redners,„wurd net ſo ge⸗
fährlich werden,“ erwiedert er dann faſt ebenſo leiſe. „Für'sErſte hab' ich g'hört, daß d'Schlange beißet, aber net ſtechet, und was die da oben betrifft, die ſticht mich auch net. Wenn man aber recht d'rüber nachdenkt, ſo ſtecken am Ende alle Leut' nackt in den Kleidern. G'ſpaßlich ſieht's freilich aus, ſo in der Sonne, aber da hat's keine Gffahr. So Eine bräch grad ab in der Mitte, wenn man ſie etwas ferm in die Hand nähm'. Da hättet Sie mein Weib ſehen ſollen, da wär' die da oben nichts dagegen; die hat Backen g'habt wie zween Pfundäpfel, Aerm' dicker wie Ihr Leib... Im Uebrigen will ich noch Eins ſagen: beim Hacken, Pflügen, Dreſchen und Holzmachen wird man weder gy'ſtochen noch biſſen.“
Mit Seufzen und Kopfſchütteln geht der fromme
Herr weiter, der Andres aber ſagt:„auf den Schrecken muß ich ſitzen, da ſteht ja ein Kanapee, und'swird auch uns Leut' erlaubt ſein. Da iſt's noch pläſier⸗ licher, als bei uns z'Mempflingen unter der Linde. Es iſt ſo gut kühl und ſchmackt ſo gut, das machen die viele Sträuß', aber alles das trägt nichts ein. Ja,
wenn dies lauter Obſtbäum' wären, dies Kartoffel ſtatt
Blumenſträuß', und ein rechter Trieb Gäns auf dem See ſchwämm', das wär' eine Luſt und ein Segen!“
Nicht lange, ſo kommt leichten Schrittes, das Skiz⸗ zenbuch unter dem Arme, ein langhaariger Kunſtjünger
geſetzte Statue der Venus von Melos gewahr:„Das des Weges gezogen.„Sei mir gegrüßt,“ ruft er mit
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