Teil eines Werkes 
Band 2
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Freilich war ihr Herz ſeitdem mehrere Jahre älter ge⸗ worden, ein Zeitraum, worin ein weibliches Herz viele Erfahrungen machen, viele Verwandlungen beſtehen kann; aber dieſes Wiederſehen und jener unvergeßliche Abſchied am Ganges welcher Unterſchied! Welche Zurückhaltung, welche Kälte jetzt, welche ſüße Hin⸗ ehung einſt. Alſo, Thorheit jede Hoffnung.

Mit dieſen Gedanken beſchäftigt ſchrieb Velthuſen ſich das Betragen vor, welches er gegen die ſchöne Frau jetzt beobachten zu müſſen glaubte. Er wollte ſorgfältig über ſich wachen, damit er ſich nicht ver⸗ riethe, daß noch die alte Liebe, noch Hoffnung in ſei⸗ nem Herzen wäre. Endlich, weil auch ſeine Freunde ungeduldig waren, nahmen ſie Abſchied von dem gaſt⸗

freien Beſitzer des Landhauſes, und kamen noch einige

Zeit vor Anbruche der Nacht in die Stadt zurück. Mit klopfendem Herzen traten ſie in das Zimmer der Fremden, welche ſie allein fanden. Sie war freund lich gegen Alle, ohne Einen ihrer Gäſte merklich aus⸗ zuzeichnen, und gewandt genug, ſich ſchnell wieder zu ſammeln, wenn ja ihr Blick zuweilen länger auf Velt⸗ huſen geruhet hatte. Lamotte, durch den Anblick der reizenden Frau begeiſtert, ſchien ſeine unglückliche Lage auf einen Augenblick zu vergeſſen, und zeigte im Ge ſpräche ſo viel Beſonnenheit und Witz, als in den Tagen ſeines ungetrübten Glückes. Der gerade, offene van Hagen verrieth herzlich, daß die Empfindungen, welche die junge Wittwe auf dem Conſtantia⸗Weinberge ihm eingeflößt hatte, noch nicht ganz erloſchen waren. Velthuſen aber war ſtill und verlegen, und ſeine Seele in einer zu unruhigen Bewegung, als daß es ihm hätte

gelingen können, ſo über ſich zu wachen, wie er ſich:.

vorgenommen hatte. Miſtriß Clarendon war nicht weniger neugierig zu erfahren, wie die drei Freunde ſich zuſammengefunden,

als dieſe, die Schickſale der ſchönen Frau kennen zu

lernen; aber vor allen Da gen lag ihr daran, zu wiſ⸗ ſen, warum Velthuſen ſeiner Zuſage, nach Indien zu⸗ rückzukehren, untreu geworden.

ihrer geliebten Jugendfreundin als treue Pflegerin um ſich zu haben, und wie ſehr ich mich auch nach Europa ſehnte, ich konnte doch den rührenden Bitten der guten Frau nicht widerſtehen, da ich ihr einmal ſo nahe ge⸗ kommen war. Es fand ſich bald eine Gelegenheit nach Weſtindien, die ich benutzte. Ein furchtbarer Sturm zwang uns, in den Hafen von Port⸗Louis auf San Domingo einzulaufen, von wo aus ich endlich nach Jamaika abreiste.

Und wo Sie mich troſtlos, hoffnungslos zurück ließen, fiel Lamotte ein.Ariadne, als ſie dem Schiffe nachblickte, das den geliebten Theſeus entführte, kann nicht empfunden haben, was ich in jenem Augen⸗ blicke fühlte.

Ariadne fand, wie Sie wiſſen, einen freundlichen Tröſter, erwiederte lächelnd die ſchöne Wittwe, und ich glaube, die Götter werden nicht weniger gütig gegen Sie geweſen ſein.

Ich lebte ſeitdem an der Seite meiner guten

Tante, fuhr Miſtriß Clarendon fort,und freute mich,

daß ich ihr die liebevolle Freundſchaft, welche ſie mir bewies, durch zärtliche Pflege und Wartung vergelten konnte. Vor einigen Monaten iſt ſie von langen Lei⸗ den erlöst worden, und ich habe Jamaika ſogleich ver⸗ laſſen, um endlich, nach ſo vielen Irrfahrten, das theure Land meiner Väter zu begrüßen. Der Auftrag meiner Tante, einem ihrer Jugendfreunde, den ich in Charlestown finden ſoll, ein Andenken ihrer Liebe zu übergeben, hat mich hierher geführt.

So ſchloß Henriette. Die drei Freunde erzählten ihr darauf, was ihnen ſeit der Trennung begegnet war, und als Lamotte und zuletzt Velthauſen von ihrem Schickſale geſprochen hatten, verbarg die junge Wittwe nicht die Thräne, welche ihr ſchönes Auge umhüllte.

Eine ſtumme Pauſe folgte. Henriette hatte bisher

den Mann ihrer erſten Liebe, dem ſie ſo lange mit

Ich kann es mir denken, hob ſie, nach vorgän- ihrige, trotz ſeines Mißgeſchickes, nach Indien zurück⸗

giger freundlicher Begrüßung, an,daß Jeder von Ihnen ſehr überraſcht geweſen iſt, mich hier zu finden. Ich will Ihnen meine Schickſale und Irrfahrten er⸗ zählen, und mir dadurch einen Anſpruch auf ähnliche Mittheilung von Ihrer Seite erwerben. Velthuſen, muß ich zuerſt ſagen, daß ich zwei Jahre nach Ihrer Abreiſe aus Indien meine Hand einem nicht mehr jungen Manne gab, den mein Vater mir ausgewählt hatte. der nach dem Verluſte meiner Mutter, nach dem er⸗ ſchütternden Tode meines edlen Bruders in eine tiefe Schwermuth verſank, ein ſolches Opfer bringen. Er ſtarb einige Zeit nachher, und bald löste der Tod auch das unglückliche Band, das ich mit kindlicher Ergebung geknüpft hatte. Nun war ich einſam in meiner Hei⸗ math, ohne Angehörige, ohne Verwandte, und ich faßte den Entſchluß, nach England zu reiſen, wo noch ein Bruder meiner Mutter lebte. Das Schiff, mit wel⸗ chem ich von dem Vorgebirge der guten Hoffnung ab⸗ fuhr, blieb einige Zeit auf der Inſel St. Helena vor

Ihnen, Herr

Ich mußte der Ruhe meines Vaters,

Sehnſucht entgegen geſehen, einer Untreue verdächtig gehalten. Dieſer quälende Argwohn ſchien nun zwar widerlegt zu ſein, aber ſie meinte dennoch, Velthuſen hätte, wenn ſeine Liebe ſo ſtark geweſen wäre, als die kehren ſollen, um Alles aufzubieten, ihr ein ſchmerz⸗ liches Opfer zu erſparen. Sie konnte ſich dieſes Ge⸗ dankens nicht erwehren, und noch immer blieb ihr ein Zweifel gegen Velthuſens Liebe, deſſen Löſung ihrem Herzen Bedürfniß war. 8*

Einige Stunden waren im Geſpräche entflohen, und vor der Trennung lud Lamotte die Wittwe ein, mit ihm und ſeinen Freunden am folgenden Tage eine Landparthie zu machen. Der Vorſchlag war ihr will⸗ kommen, und die Gäſte nahmen Abſchied, jeder in einer ganz anderen Stimmung.

Lamotte und van Hagen konnten ſich's freilich nicht verhehlen, wie ſehr Velthuſen im Vortheile war, aber die Ausſicht, das Herz der ſchönen Frau zu gewinnen,

die ja gegen Jeden von ihnen freundlich ſich gezeigt

Anker liegen. Während meines Aufenthaltes in James⸗ town langte ein nach Bengal beſtimmtes Schiff aus

wandten aus Amerika mitbrachte. Alt und kränklich, ohne Erben, ohne Freunde, wünſchte ſie die Tochter

Weſtindien an, das mir Briefe von einer alten Ver⸗

hatte, war ſo lockend, daß ſie gar noch nicht dazu ge⸗ ſtimmt waren, ihre Abſichten gänzlich aufzugeben, und je mehr ſie dies verriethen, deſto unruhiger ward ihr Nebenbuhler. Konnte Henriette auf ihn, den Vertrie⸗ benen, den Armen, noch ihren Blick richten, konnte. ſie ſchwanken, wenn van Hagen, ſo reich als bieder, um ihre Hand werben wollte? Hatte ſie ihm in dieſen Abendſtunden mehr Theilnahme, mehr Zärtlichkeit ver⸗ rathen, als bei dem erſten Wiederſehen? Von dieſen