Teil eines Werkes 
Band 2
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rief! Waddiſon war theilnehmend und edel, aber den dürftigen Verbannten, der es gewagt hätte, um die Hand ſ ſeiner Tochter zu werben, würde er ſtolz abge⸗ wieſen haben. Und ich leugne es nicht, ich ſelbſt war zu ſtolz, als daß ich den Gedanken hätte faſſen können. Mein armer Vater und mein Bruder Keladen unter ihrem Unglücke, und als ich ſie begraben hatte, blieb mir kaum ſo viel übrig, daß ich dieſe Reiſe nach Ame⸗ rika unternehmen konnte, wo ich doch wohl ein Plätz⸗ chen finden werde, das einen fleißigen Anbauer näh⸗ ren kann.

So endigte Velthuſen ſeine Erzählung. Die Freunde hatten ihm mit Theilnahme zugehört, und als er ſchwieg, folgte eine Pauſe ſtiller Rührung.

Lieber Velthuſen, hob endlich Kornelius van Hagen an,es iſt wahr, Sie nehmen ſchmerzliche Erinnerungen mit in's neue Leben, und was Lamotte und ich erfahren haben, iſt gering gegen die grauſamen Täuſchungen, welche das Schickſal Sie erleiden ließ. Aber Sie ſagten es ja ſelbſt, kein ganz unglückliches, kein traurig abhängiges Leben kann es ſein, was durch eigene Arbeit und Mühe errungen wird. Nein, nicht, und wir müſſen uns deſto mehr unſerer eigenen Achtung werth fühlen, und alſo deſto glücklicher ſein, je mehr wir uns mit Muth und ſel bſtſtändiger Kraft über unſer Schickſal erheben. Doch, meine theuren Freunde, unſere Unterhaltung hat uns in eine Stim⸗ mung verſetzt, die verbannt werden muß, wenn man⸗

auf den ſchwankenden Brettern zwiſchen Meer undi Tages zurückkehren. und ging über den Gang, der zu ihren Wohnzimmern

Himmel dahin ſchwebt. Wohlan, hier iſt noch eine verſiegelte Flaſche des Weins, der uns die erſte Veran⸗ laſſung gab, dieſe Erinnerung zurückzurufen. Er ſoll uns nun auch ein wohlthätiger Lethetropfen werden.

Nach dieſen Worten füllte van Hagen die Gläſer

wieder, und ſeine gemüthliche Heiterkeit wußte der Un⸗ terhaltung eine ſo muntere Wendung zu geben daß die Freunde noch lange beiſammen blieben. Sie aren auch wieder die Erſten auf dem Verdecke, als ſich bei Anbruche der Morgenröthe ein günſtiger Wind erhob und das Schiff an die Küſte von Teneriffa trug.

Der Aufenthalt auf dem blühenden Eilande, das eben im vollen Schmucke des Sommers ſtand, brachte die beiden Auswanderer völlig in eine fröhlichere Stim⸗ mung, und als das Schiff nach einigen Tagen wieder unter Segel ging, ſahen ſie der Zukunft mit friſchem Muthe entgegen, zumal der biedere Holländer ihnen Hoffnung machte, durch ſeine Verbindungen in Amerika ihnen zu dem Beſitze vortheilhafter Anſiedelungen zu verhelfen.

Eine fortdauernd glückliche Fahrt brachte ſie bald zu den Küſten der neuen Welt, und an einem heiteren Abende erreichten ſie endlich das vorläufige Ziel ihrer Reiſe, den Hafen von Charlestown. Der Holländer mußte hier einige Zeit verweilen, aber er verſprach ſeinen Freunden, ſie vor Antritt ſeiner Reiſe nach Surinam bis Philadelphia zu begleiten, wo ſie über die Anſiedelungen am Ohio Erkundigungen einziehen wollten. Während nun er ſeine kaufmänniſchen Ge⸗ ſchäfte beſorgte, wobei Velthuſen ihn eifrig unterſtützte, ſuchte Lamotte in der Stadt und Umgegend ſich zu zerſtreuen.

Eines Morgens gingen die drei Freunde nach dem Frühſtücke aus des Holländers Zimmer, da der Wagen vor der Thüre des Wirthshauſes wartete, um ſie nach

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gewiß

einem benachbarten L kandhauſe zu bringen. Kaum waren ſie an der Treppe, als eine junge Frau, begleitet von einem Kammermädchen, ihnen entgegen kam, die eben heraufgeſtiegen war. Ueberraſcht blieben die Männer ſtehen.Miſtriß Clarendon! riefen van Hagen und Lamotte mit dem nsri des lebhafteſten Erſtaunens; Henriette! rief Velthuſen, und in ſeinem Ausrufe verrieth ſich das tief erſchütterte Herz. Während der ſmmmen Pauſe ſahen alle drei bald die ſchöne Frau, bald einander an.

Die Fremde erkannte Velthuſen zuerſt.

Nein, ſprach ſie mit einer bewegten Stimme, ich irre mich nicht, und von ihrer Ueberraſchung ſich erholend, fuhr ſie nach einer Pauſe fort:Herr Kornelius van Hagen, ich ſehe Sie wieder Sie ſind es, Herr von Lamotte! Ja, ich habe Sie alle drei unter ſehr verſchiedenen Umſtänden, in wunderbar ver⸗ ſchiedenen Lagen gekannt, und es ieräͤſch mich nicht wenig, Sie hier zu finden. Ich hoffe, Sie ſind nicht im Begriffe, wieder abzureiſen. E wird mich freuen, wenn ich Sie heute Mittag oder heute Abend bewirthen kann, um die alte Bekanntſchaft zu erneuern. Alſo, wann darf ich Sie erwarten?

Der Franzoſe war der Erſte, der ruhig und un⸗ befangen genug war, um der Fremden mit der artig⸗ ſten Wendung ſagen zu können, daß nur eine gegebene Zuſage ſeine Freunde und ihn des Glückes beraube, an ihrer Seite zu ſein, doch würden ſie zu Ende des Die ſchöne Frau verbeugte ſich

Noch einmal aber begegnete ihr Auge Velt⸗

füh rte. u ſagen, daß auch ihr

ſens B licke, und ſchie Erinnerung an die Ahelt, welche ſein Herz lebhaft bewegte, lieb und theuer wäre. Schweigend gingen die Freunde die Treppe hinab, und ſtiegen in den Wagen.

Sonderbar! In der That, ein wunderbares Aben⸗

teuer! unterbrachen van Hagen und Lamotte das

Stillſchweigen. t.

5Alſo dieſe ſchö F Frau, Miſtriß Clarendon, fuhr der Franzoſe fort, gwar die Geliebte, welche Sie vor einigen Jahren in Indien zurückließen, Velthuſen?

Ja, Miß Henerette Waddiſon, erwiederte der Flammänder.Glaubet mir, meine Freunde, mich überraſcht nicht weniger, als euch, dieſe ſeltſame Fügung.

Wer hätte das ahnen können! hob Lamotte wie⸗ der an.Aeder von uns war verliebt in einem an⸗ dern Erdtheile, und wir hatten alle drei nur eine Dame unſerer Gedanken.

Sie ſprachen noch lange hin und her, um ſich die Räthſel zu erklären, welche in der Geſchichte der ſchö⸗ nen Frau zu liegen ſchienen, bis ſie endlich in dem Landhauſe ankamen, wo mancherlei Zerſtreuungen ſie erwarteten. Velthuſen nahm am wenigſten Theil an Allem, und ſah mit Ungedutd dem Abſchiede igegen War ſeine geliebte Henriette noch Wittwe? oder war ſie wieder verheirathet? Er fühlte, daß er in ſeiner jetzigen Lage⸗ arm und geimathlos, weniger als je Hoffnung h hegen durfte, und obgleich Miſtriß Claren⸗ don in dem Augenblicke des Wiederſehens ihm mehr

Theilnahme verrathen hatte, als ſeinen Begleitern, ſo

war's ihm doch 8 nicht entgangen, daß nicht der

Blick, nicht die Stimme geweſen, womit Henriette einſt zu ſeinem entzückten Herzen geſpro en hatte.