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Gedanken bewegt, ſchwieg Lamotte, und legte ſinnend den Kopf in die Hände.
„Die Launen des Schickſals werden Sie nie ganz niederbeugen, mein Freund,“ hob van Hagen an.„Mit Kraft und muthiger Hoffnung wird es Ihnen gelingen, ſich wieder zu verſchaffen, was es Ihnen entriſſen hat.“
„Ja, wenigſtens was ſich durch Muth und An⸗ ſtrengung wieder erwerben läßt,“ fiel Velthuſen ein. „Und ich hoffe, was ſo durch Mühe errungen wird, ſoll auch kein ganz unglückliches, kein trauriges, ab⸗ hängiges Leben ſein. Aber auch ich, meine Freunde, habe erfahren, daß es Verluſte gibt, die nichts erſetzen kann. Träume glücklicher Stunden, welche unſere Sehnſucht nie zurückzurufen vermag. Mich hat das Schickſal doch noch härter getroffen, als euch, meine Freunde. Ich liebte, ich genoß die zärtlichſte Gegen⸗ liebe, und mir iſt nichts geblieben, als die unvergäng⸗ liche Erinnerung an das verlorene Glück, das ich nie wieder finden kann.— Sonderbar, Jeder von uns fand ſein Arkadien in einem anderen Erdtheile, Sie, lieber van Hagen, in Afrika, Sie, Lamotte, in Ame⸗ rika, und ich in Aſien am Ufer des Ganges. Ich kam vor einigen Jahren nach Kalkutta als Geſchäftsfüh⸗ rer eines Hauſes in Liverpool, in welchem ich lange gearbeitet hatte. Meine Geſchäfte machten mich mit einem angeſehenen Kaufmanne bekannt, der ſeit zwan⸗
zig Jahren eine große Muſſelinfabrik betrieb, und
einige Dienſte, die ich ihm leiſten konnte, gewannen mir ſein Wohlwollen.
„Er lud mich eines Tages ein, ihn in ſein Land⸗ haus zu begleiten, das einige Meilen von der Stadt, an einem Arme des Ganges lang. In dieſem reizen⸗ den Aufenthalte lebte er faſt immer mit den Seinigen, und kam gewöhnlich nur am Ende jeder Woche nach Kalkutta, um die Angelegenheiten der Fabrik zu beſor⸗ gen, über welche ſein Sohn die unmittelbare Aufſicht führte. Außer dieſem hatte Waddiſon noch eine Toch⸗ ter, kaum ſechzehn Jahre alt. Ein herrliches Mädchen! Schmerzliche Leiden haben ſeitdem vielfältig auf mich gewirkt und meine Stimmung trübe und finſter gemacht, aber unvergeßlich iſt mir der Tag, wo ich ſie zum erſten Male ſah, und dieſe Erinnerung würde mich ganz heiter machen, wenn nicht ſo viele andere ſchmerz⸗ liche ſich an ſie knüpften. Nie habe ich eine reizendere Geſtalt geſehen, nie eine reinere Seele gekannt. Der eedle Stolz der Engländerin war mit dem Zarteſten verſchmolzen, was unter Italiens mildem Himmel ge⸗ deiht. Ja, ſie würde den Preis der Anmuth gewon⸗ nen, und Herz und Sinne entzückt haben, wenn ſie
unter den indiſchen Tänzerinnen ſich gezeigt hätte. Ich
verlebte einige glückliche Tage auf dem bezaubernden Landſitze, wie in einem ſeligen Rauſche. Mit freiem Herzen te ich es betreten, und als ich's verließ, ſagte mir ſchon ein geheimes Gefühl, daß ich fortan nur unter einer Bedingung glücklich ſein könnte. Hätte ich's mir geſtehen können, wie ſchwer ſie zu erfüllen
war? Ach, was dünkt der Begeiſterung eines Herzens
öglich, das zum erſten Male von dem heiligen zer einer edlen Liebe entffammt wird! Nach dem eiten Beſuche kehrte ich in einer lebhafteren Stim⸗ ung, mit einem glücklicheren Herzen zurück. Faſt zu jeder Stunde ward mir die Gelegenheit, Miß Wad⸗
diſon zu ſehen, und bei der vertraulichen Nähe, welche das Landleben herbeiführte, hatte ſich zwiſchen uns ein
ſtilles Verſtändniß gebildet. Die Uebereinſtimmung in
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unſern Anſichten und unſerer Empfindung, die ſich bei ſo manchen Gelegenheiten, oft zu unſerer eigenen Ueber⸗ raſchung, verrieth, zog uns unmerklich näher zu ein⸗ ander, und zuweilen, wenn wir uns in einem Ge⸗ danken, in einem Gefühle begegneten, geſchah es dann wohl, daß wir beide verlegen ſchwiegen, als ob wir gefürchtet hätten, ein Geheimniß zu verrathen, das wir ſelbſt kaum noch ahnten.
„Ich will euch nicht beſchreiben, meine Freunde, wie ich durch eine Reihe glücklicher Augenblicke zu der ſchönen Stunde kam, wo das Geſtändniß der Gegen⸗ liebe alle Zweifel löste, womit ſich das unruhige Herz zuweilen gequält hatte. Henriettens Vater wußte noch nichts, und wir ſcheuten uns Beide, ihm unſere Wünſche zu entdecken. Er war ein biederer Mann, liebevoll gegen die Seinigen, herzlich und offen gegen Jeden, dem er Vertrauen und Freundſchaft geſchenkt hatte; aber er zeigte ſich unerbittlich, wo einmal ein Entſchluß gefaßt war, der ſeine Entwürfe fördern konnte. Ich hatte mir damals durch eigene Thätigkeit ſchon etwas erworben, und verdankte dem regen Fleiße meines Va⸗ ters die Ausſicht auf ein Erbtheil, das auch in mei⸗ nen Händen, wie ich hoffte, wachſen und gedeihen ſollte. Dies erhob zuweilen meinen Muth, und in manchen Augenblicken, wo der wackere Mann, nach ſeiner herz⸗ lichen Weiſe, mir die wärmſten Betheurungen von ſei⸗ ner Freundſchaft gab, war ich nahe daran, das volle Herz vor ihm auszuſchütten, aber eine bekümmernde Ahnung hielt mich immer zurück, und meine Geliebte ſchien meine Beſorgniſſe zu theilen.
„Herr Waddiſon wollte das Geburtsfeſt ſeiner Gattin glänzend feiern. Das Sinnreichſte, was euro⸗ päiſche Kunſt erfunden, das Prächtigſte, was die Uep⸗ pigkeit der Morgenländer erſonnen, wurde aufgeboten, um die Gäſte zu erfreuen. Als die heißen Tagesſtun⸗ den vorüber waren, kamen viele ſchöne Frauen in koſt⸗ baren Palankins aus Kalkutta, und mehrere Offiziere aus dem Fort William ſprengten auf munteren Pfer⸗ den hinter der glänzenden Reihe her, die ſich dem Land⸗ hauſe näherte. Die Geſellſchaft ging in den kühlen Marmorſaal, der unter den ſchattigſten Bäumen des Gartens lag, und ward mit feurigem Schiraswein, mit lieblichen Früchten und anderen köſtlichen Speiſen reichlich bewirthet, während Tänzerinnen uns durch anmuthige Tänze entzückten. Darauf zerſtreuten ſich die Gäſte im Garten. Es war eine köſtliche Nacht. Kühle Lüftchen wehten vom Fluſſe her, und raubten die ſüßeſten Wohlgerüche den blühenden Bäumen und Blumen, deren Spitze ihr leiſer Hauch kaum beugte. Es gelang meiner Geliebten, ſich aus der Geſellſchaft zu entfernen, und wir wandelten allein unter einer Reihe von Granatbäumen. Die Blätter und Zweige dieſer Bäume waren mit zahlloſen Leuchtwürmern be⸗ deckt, welche einen glänzenden Lichtſchein von ſich war⸗ fen, der einer prächtigeren Erleuchtung glich, als ſie in den anderen Gängen des Gartens die Kunſt ange⸗ ordnet hatte. Einige liebliche Singvögel, Nachtigallen und Pagodroſſeln, welche vor dem Geräuſche des Feſtes in dieſe einſamen Schatten geflohen waren, entzückten uns durch ihre Töne. Wir ſetzten uns auf eine Bank. Meine Freundin war ſtill und nachdenkend mitten un⸗ ter dem fröhlichen Lärme. Einige Aeußerungen, die ihrem Vater in den vergangenen Tagen entſchlüpft waren, hatten ihr die Vermuthung beſtätigt, daß er ſie nur einem reichen Manne zur Gattin geben und nie


