Teil eines Werkes 
Band 2
Seite
202
Einzelbild herunterladen

8

.. 7 8.. wüßten, was ich gelitten habe in einer unglücklichen Ehe, die ich mit widerſtrebendem Herzen ſchließen mußte, ſo würden Sie es ſehr natürlich finden, daß ich vor dem Gedanken an eine neue Verbindung zurückbebe, wie ein erlöster Gefangener vor dem Gedanken an die Feſſeln, die er abgeworfen hat. Wenn ich aber je den Entſchluß faſſen könnte, einen neuen Bund zu knüpfen, ſo würde ich ihn nur mit einem Manne ſchließen, den ich vielleicht nirgends in der Welt finde.(Siehe Bild S. 204.)

Alſo ein Ideal ausſchließlicher Vollkommenheit, das kein armer Sterblicher erreichen kann?: antwortete ich mit einem Lächeln, das meine Empfindlichkeit nicht ganz verbergen mochte.

Ja, hob ſie wieder an, zein Ideal, wenn Sie wollen, mein Ideal, aber noch einmal, ſchwerlich werde ich es finden. Darum will ich lieber die Freiheit be⸗ wahren, die ich in zwei traurigen Jahren ſo ſchmerz⸗ lich herbei geſehnt habe, als das größte Glück meines Lebens. Glauben Sie mir, lieber van Hagen, ich achte ſie hoch, und ihr Andenken wird mir immer theuer ſein, und noch theurer nach dem Vertrauen, das Sie mir eben bewieſen haben. Doch bitte ich Sie, laſſen Sie uns nicht wieder davon reden.:

Wie ſollte ich dieſe Antwort deuten? Jetzt freilich ſehe ich wohl, daß ſie nichts als ein zart und zierlich geflochtenes Körbchen war. Allein noch immer von Hoffnung gehoben, genoß ich noch einige Zeit das Glück ihres Umganges, bis ſie mir eines Tages uner⸗ wartet ſchnell die Nachricht gab, ihr Schiffskapitän werde mit dem erſten günſtigen Winde die Anker lich⸗ ten, da die Ausbeſſerung des Schiffes vollendet wäre.

Vas empfand ich in dieſem Augenblicke! Ich hatte mir

oft vorgenommen, zu gleicher Zeit mit ihr nach Europa zu reiſen, aber das war unmöglich. Die Geſchäfte, die ich vor meiner Abreiſe beſorgen mußte, waren noch

lange nicht beendigt, ohne einen beträchtlichen Theil

meines Vermögens in Gefahr zu bringen und einen

ſchmerzlichen Entſagung mich unterwerfen. Konnte ich doch vielleicht ſchon in wenigen Wochen ihr folgen,

vielleicht ſie noch einholen auf ihrem Wege, und auf alle Fälle wollte ich gleich nach der Rückkehr in meine

Heimath ſie in England aufſuchen, wohin meine Ge⸗ ſchäfte mich ohnehin bald rufen mußten. ich von ihr in der Hoffnung, ſie noch vor Ende des Jahres in London wieder zu ſehen. Sie war beim Abſchiede nicht weniger gerührt als ich, und ſagte mir,

daß ſie auch in Europa gern die Freundſchaft fortſetzen

werde, die wir auf der äußerſten Spitze von Afrika geknüpft hatten. Als ich in meine Heimath zurück kam, wurden meine Entwürfe durch wichtige häusliche Ereigniſſe vereitelt, die Störungen des Krieges kamen bald hinzu, und jetzt, wo das Schickſal mich auf's Neue von Europas Küſten geführt hat, muß ich vielleicht auf immer die Hoffnung aufgeben, die ſchöne Frau wiederzufinden. ‚Wohlan, ſchloß Kornelius van Hagen ſeine Erzählung, und füllte noch einmal die Gläſer:Ihrem Andenken!

.Ja, billig gedenken wir Ihrer reizenden Wittwe bei düohen Wein, ſprach Lamotte.Vielleicht hat Nr den Rebengelle er lächelnd hinzu,auf eben den der herrlichen Ausfaäft uns jetzt erquickt, ihr Auge ge⸗

ter mir lag, ſah ich ſſchöne Hand ſie berührt. Doch gegen kommen. Ein einfn löſen. Sie werden ſehen,

ſchloß ihren edlen Wuchs,

202

So ſchied

Ach, es ſollte nicht ſo erfüllt werden!

lieber van Hagen, unſer Schickſal hat viele Aehnlich⸗ keit. Auch ich war in Arkadien, auch ich war, wie Sie, ein Leidensgenoſſe des armen Tantalus. Kurz vor dem Ausbruche der Revolution mußte ich eine Reiſe nach San Domingo machen, um eine anſehn⸗ liche Pflanzung zu unterſuchen, die mir durch Erbſchafte zugefallen war. Nach einem langen Aufenthalte auf der Inſel fand ich die gewünſchte Gelegenheit, einen ſehr guten Handel zu machen, und verkaufte meine Beſitzung. Ich hielt ſie zu jener Zeit für das Lä⸗ ſtigſte in der Welt, denn um ſie zu einem guten Er⸗ trage zu bringen, hätte ich auf der Inſel bleiben müſ⸗ ſen, und es dünkte mir unmöglich, die Annehmlich⸗ keiten meines Vaterlandes aufzugeben. Alles war in Ordnung, und ich erwartete in Port⸗Louis die Abreiſe meines Schiffes nach Europa, als ich einſt in einer Geſellſchaft eine Frau kennen lernte, o nie ſah ich etwas Aehnliches, und doch kann ich mich rühmen, die reizendſten Frauen in Paris gekannt zu haben. Sie war eine Engländerin, und im Begriffe nach Amerika zu reiſen, um einige Zeit bei einer Verwandten zuzu⸗ bringen, deren Erbin ſie ſein ſollte. Es iſt wahr, ſie

hatte etwas von dem kalten Ernſte, der vielen Eng⸗

länderinnen eigen iſt, aber mich konnte das nicht ab⸗ ſchrecken. Die reizende Frau begeiſterte mich zu man⸗ chem zärtlichen Liede. Ich ſah ſie zwar nie anders, als in großen Geſellſchaften, wo die Aufmerkſamkeit einer ſchönen Frau, die Anſprüche machen kann, ſo ſehr getheilt wird; aber ich glaubte zu bemerken, daß ſie mich auszeichnete, ſich gern mit mir unterhielt und meine Huldigungen nicht unfreundlich aufnahm. Ich war eines Abends in einer Geſellſchaft, wo ſie zuge⸗ gen war, ſehr heiter und glücklich geweſen, ich hatte

mich ihrer frohen Laune gefreut, ich hatte in ihren

ſchönen Augen bald das Lächeln der Freude, bald auf⸗ munternden Beifall über meine zärtlichen Bemühungen geleſen, und beim Abſchiede die Hoffnung erhalten, ſie

öger zwei Tage nachher bei einem von mir vorbereiteten bedeutenden Gewinn zu verlieren; daher mußte ich der

ländlichen Vergnügen wieder zu ſehen. Am folgenden Tage machte ich einen Beſuch in einem Hauſe, wo ich ſie einige Male geſehen hatte. Ach, welche ſchmerz⸗ liche Nachricht erwartete mich! Das Schiff, worauf die ſchöne Wittwe ihre Reiſe machte, war vor weni⸗ gen Stunden bei günſtigem Winde nach Jamaika ab⸗ gegangen. Ich eilte in den Hafen. Kaum ſah ich noch in der Ferne die weißen Segel, mit welchen meine Hoffnungen entflohen.(Siehe Bild S. 205.) Der Eigen⸗ thümer des Schiffes, mit welchem ich wegen der Rück⸗ reiſe nach Frankreich einig geworden war, wollte nun, ſeinen früheren Entſchluß ändernd, ſchon in wenigen Tagen die Antillen verlaſſen, und es ließ ſich nicht erwarten, daß vor dem Winter noch ein anderes Schiff nach Europa ſegeln werde. Mit traurigem Herzen ſchied ich von dem Eilande, wo ich in den letzten Ta⸗ gen meines Aufenthaltes ſo glücklich war. Ach ſie waren mir ſo ſchnell entflohen, als mir früher doppelt ſo viele Monate langſam und ſtill dahin geſchlichen waren! Ich nahm das Geld, welches ich aus dem Verkaufe meiner Pflanzung gelöſet hatte, mit nach Frankreich, um es dort anzulegen. Unglückliches Ver⸗ hältniß! Bald nach meiner Ankunft brach der Sturm aus und verſchlang Alles, was ich beſaß. Kaum ent⸗ floh ich dem Blutgerüſte. Keine Hoffnung mehr u Rückkehr und Erſatz, keine Ausſicht mehr auf ein glück⸗ liches, unabhängiges Leben! Von ſchmerzlichen

,